Trauer im Team: „Andrea kommt nicht mehr“

„Über eine Millionen Menschen sind letztes Jahr in Deutschland gestorben. Um jeden Verstorbenen trauern Partner, Kinder, Freunde, Verwandte aber auch Kolleginnen und Kollegen. Wenn man sich anschaut, wie wenig in Firmen verstorbener Mitarbeiter gedacht wird, dann könnte man den Eindruck gewinnen, der Tod stört bei der Arbeit. Und das ist ja auch so. Der Tod schert sich nicht um Dienstanweisungen, ihn interessieren keine Quartalszahlen und er interessiert sich auch nicht für eine ausgeglichene Work-Life-Balance.“

Mit dem „Denkanstoß 52“ widmet sich das Bestattungshaus Pütz Roth dem Thema Trauer am Arbeitsplatz – ein interessanter Text, den wir gerne hier teilen:

Unruhe in der Firma. Andrea Krusmann, Projektmanagerin in einer großen Digital-Agentur, ist heute Morgen nicht zum Meeting erschienen. Der Kunde ist sauer und der Auftrag in Gefahr. Ihr Boss Werner Mang schnappt sich sein Mobiltelefon und ruft bei Andreas Lebensgefährten an. Plötzlich wird der Chef still, sein Ärger weicht Anteilnahme: Andrea Krusmann ist tot. Ums Leben gekommen bei einem Verkehrsunfall auf der A5, als sie ihre Tochter zu den Schwiegereltern bringen wollte. Das Kind hat den Unfall überlebt. Andrea ist noch an der Unfallstelle verstorben.

Eine halbe Stunde später haben die Bildschirmschoner die Herrschaft in der zweiten Etage übernommen. Niemand kann jetzt arbeiten. Fassungslos stehen die Kolleginnen und Kollegen in den Fluren, Sätze wie „Bitte, WAS ist passiert?“ und „Das kann doch nicht sein, ich hab doch noch gestern mit „Drea“ gezoomt“, schwirren durch offene Bürotüren.

Jedes Jahr gibt es eine Million Sterbefälle in Deutschland. Das bedeutet beinahe eine Million Mal trauernde Angehörige, die natürlich auch Mitarbeiter und Kollegen sind. Zwei Tage Sonderurlaub werden nächsten Angehörigen in der Regel gewährt, dann hat man wieder voll funktionsfähig am Arbeitsplatz zu erscheinen. Wer kann schon in zwei Tagen den Schock über den Verlust eines geliebten Menschen verarbeiten und zur Tagesordnung übergehen? Diese Regelung zum Sonderurlaub gilt nur für Angehörige ersten Grades, wenn der Enkel stirbt oder die Oma oder der Opa, wird keine Rücksicht genommen. Im Office ist für Privates nur wenig Raum.

Da muss man sich nicht wundern, dass die inneren Kündigungen sich häufen, die Bindung der Mitarbeiter an ihre Firmen abnimmt. Gerade in der heutigen Zeit, wo immer mehr Menschen auf der Sinnsuche sind, wäre ein sensiblerer Umgang mit Trauernden ein guter Anfang.

Wir sind uns sicher, dass durch unterdrückte, falsch gelebte Trauer jedes Jahr ein volkswirtschaftlicher Schaden entsteht, der in die Milliarden geht. Trauer am Arbeitsplatz zulassen, offen mit dem Verlust umgehen, auch wenn man vermeintlich Schwäche zeigt, wäre eine Alternative zur stummen Ignoranz, mit der Trauerfällen im Berufsalltag häufig begegnet wird.

Kehren wir noch einmal zur Agentur von Andrea Krusmann zurück. Die Personalabteilung verfasst eine Todesanzeige für die örtliche Zeitung, jemand geht durch die Büros und sammelt Geld für einen Kranz. „Letzte Grüße, deine Firma“. Es gibt vielleicht einen Aushang am Schwarzen Brett. Für die Beerdigung werden die Kollegen ein paar Stunden freigestellt. Das war’s?

Das ist Andreas Chef nicht genug. Werner Mang will nach dem Tod von Drea nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, er will seinen Mitarbeitern in diesen schweren Wochen zeigen, dass sie nicht nur als Kolleginnen und Kollegen geschätzt, sondern auch als Menschen geachtet werden, dass sie mehr sind als Namensschilder an Office-Türen, die sich nach Belieben austauschen lassen. Mang legt im Empfangsbereich der Firma ein Kondolenzbuch aus, in dem sich schon nach kurzer Zeit die Seiten füllen. Er initiiert eine WhatsApp-Gruppe, in der die Mitarbeiter ihre Gefühle posten können. Oft steht da einfach nur: „Ich denke an dich. Du fehlst uns.“ Da sind viele weinende Smileys unter Bildern zu sehen, die Drea mit ihren Kolleginnen und Kollegen zeigen. Der Chef schreibt eine lange Mail, in der er die Verdienste der Kollegin für die Firma würdigt, aber auch ihre Macken, ihren Humor, ihre Sensibilität und Freundlichkeit rühmt. Dann lässt Werner Mang auf dem schmalen Grünstreifen, der das Gebäude vom Parkplatz trennt, eine Birke pflanzen.

Mittlerweile sind zwei Jahre vergangen. Wenn die Mitarbeiter der Digital-Agentur heute an der jungen Birke vorbeikommen, deren Blätter in der Sonne leuchten, werden sie nicht nur an Andrea Krusmann erinnert. Sie werden auch daran erinnert, dass hinter ihrem toughen, erfolgshungrigen Chef ein Mensch steckt, der Gefühle zulässt und für den seine Untergebenen nicht nur funktionierende Leistungserbringer sind.

Die gemeinsame Trauer um Andrea Krusmann hat bewirkt, dass die Abteilung von Werner Mang noch enger zusammengerückt ist. In der Agentur gilt sie als eingeschworener Haufen, das kleine „gallische Dorf“ in der zweiten Etage. Das hätte Drea gefallen.

Bild: pixabay

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