Pietät lernen: Führung durchs Krematorium Dortmund

Mit diesem Riesenandrang hatte das Forum Dunkelbunt nicht gerechnet. Die Führung im Krematorium wollten sehr viele Menschen erleben – beim nächsten Mal gibt es eine Anmeldeliste. Heiko Ameling, Chef des Krematoriums führte die Gruppe volle drei Stunden durch so gut wie alle Räume und beantwortete auch noch die letzte Detail-Frage.

Heiko Ameling (Mitte) neben Beate Schwedler vom Forum Dunkelbunt e.V. hielt sein Einstiegsreferat im Eingangsbereich.

Zehn Krematorien in der näheren Umgebung konkurrieren um die Aufträge, so Ameling, wovon einige privatwirtschaftlich geführt werden. Das Dortmunder Krematorium befindet sich in den Händen der Stadt und aus diesem Grund darf es auch keine Werbung machen – einzig die Führungen bieten die Möglichkeit, die Bürger über diverse Randbedingungen aufzuklären, von denen die meisten sonst niemals etwas hören.

Was die meisten nicht wissen:

Es sind einige Details, von denen die meisten nichts oder das Falsche wissen. Heiko Ameling klärte über alle anstehenden Fragen und räumte mit etlichen Vorurteilen auf:

Wer bestimmt, wo kremiert wird? Das ist nicht der Bestatter, sondern der Auftraggeber. Das Dortmunder Krematorium, so Ameling, bietet besonders gute Preise und daher lohnt es sich durchaus, die Preise zu vergleichen.

Wie schnell wird kremiert? Nach einer zweiten amtsärztlichen Untersuchung im Krematorium wird ein Verstorbener innerhalb von drei bis fünf Tagen kremiert. Zur Not fährt das Krematorium Nachtschichten, um dem Bedarf nachzukommen.

Sind spezielle Särge erforderlich? Ja, es müssen Särge aus Vollholz sein. Eine Einäscherung ohne Sarg ist nicht möglich.

Dürfen Angehörige bei der Kremierung anwesend sein? Ja, das Krematorium Dortmund gestattet, dass Angehörige beim Einfahren des Sarges anwesend sein dürfen. Ja, das Krematorium Dortmund gestattet, dass Angehörige beim Einfahren des Sarges anwesend sein dürfen. Allerdings ist die Anzahl der Teilnehmer*Innen begrenzt. Die Gruppengröße sollte „Familiencharakter“ behalten.

Darf der Verstorbene zur Kremierung seine eigene Kleidung tragen? Ja, vorausgesetzt es handelt sich um natürliche Materialien und nicht künstliche wie ein Taucheranzug oder die Motorradkluft. Sinnvollerweise wird die Kleidung jedoch separat mitgegeben und dann nach der zweiten amtsärztlichen Untersuchung vom Bestatter angezogen. Zum Ankommen reicht z.B. ein Schlafanzug.

Viele Interessierte verfolgten die Führung durch das Krematorium.

Dürfen die Angehörigen die Asche des Verstorbenen selbst abholen? Ja, dies ist erlaubt. Allerdings herrscht in Deutschland – im Gegensatz zu den Niederlanden – eine Bestattungspflicht und daher wird bei uns geprüft, ob die Asche des Verstorbene auch in einem angemessenen Zeitraum beigesetzt wurde. Aber es ist nicht notwendig, dass der Bestatter die Aschekapsel abholt – dies können auch die Angehörigen selbst erledigen.

Die Hightech des Ofens sowie diese Keramiksteine beugen Vewechslungen vor

Kann die Asche eines Verstorbenen mit der eines anderen verwechselt werden? Nein. Der moderne Verbrennungsofen des Krematoriums Dortmund ist technisch so ausgestattet, dass Verwechslungen nicht vorkommen können. Außerdem werden Keramiksteine in den Sarg gelegt, die den Verstorbenen eindeutig identifizieren.

Gibt es den Beruf des Kremierers? Nein, dies ist kein Ausbildungsberuf. Im Krematorium arbeiten alles Kräfte, die hierfür angelernt wurden.

Wieviel wiegt die Asche eines Menschen? Zwei bis vier Kilo, abhängig davon, wie groß der Mensch war und unabhängig von seinem Gewicht.

Pietät erlernen

Heiko Ameling, der sein Berufsleben als Bergmann startete, bevor er ins Krematorium wechselte, freut sich, wenn auch das Krematorium ein Ort der Begegnung und des Lebens ist, an dem auch gelacht werden darf. Und deshalb geht er die Führung auch durchaus mit Humor an.

Einerseits.

Andererseits ist das Krematorium auch ein Ort, an dem man einen pietätvollen Umgang mit verstorbenen Menschen erlernen kann – falls man bis dahin nicht wusste, wie dieser aussehen kann.

Ein verstorbener Mensch ist immer noch ein Mensch mit Persönlichkeitsrechten. So ist es beispielsweise nicht erlaubt, einen Verstorbenen anzuschauen wie ein Ausstellungsstück. Und es ist selbstverständlich nicht erlaubt, die Namensschilder auf den Särgen zu fotografieren. Und es ist auch nicht erlaubt, einfach so an Särgen herumzufummeln und beispielsweise an der Verschlussschraube zu drehen. Es erstaunt einerseits, dass man dies erwachsenen Menschen erklären muss. Andererseits wird der Umgang mit toten Körpern ja auch nirgends erklärt – er wird ja im Gegenteil meist von Fachpersonal erledigt.

Totenruhe nicht stören

Heiko Ameling war es entsprechend ein Anliegen, auch die Philosophie des Krematoriums Dortmund zu erläutern, die eben sehr viel mit Pietät zu tun hat. Dazu gehört auch, möglichst wenig auf den toten Körper einzuwirken, also möglichst wenig die Ruhe des Toten zu stören.

Die Kühlräume

Und ja, auch alle unappetitlichen Fragen kamen auf – und wurden beantwortet. Im Kurzabriss: Nein, die Leichen bewegen sich nicht im Ofen, weil die Hitze von allen Seiten gleichzeitig kommt. Ja, es kann sein, dass es ein Geräusch gibt, wenn die Leichenstarre sich löst und gefaltete Hände auseinandergleiten. Und: Goldzähne verbleiben im Körper des Verstorbenen; moderne Herzschrittmacher müssen nicht mehr entfernt werden.

Der Übergang zwischen sachlichem Interesse und Lust an der Berührung mit dem Grusel verwischt für einige Besucher und so geriet die Besichtigung auch zu einer Übungsstunde in Pietät.

Was letztlich im Sinne des Vereinsgedankens ist.

(Text: Beate Schwedler;
Fotos: Beate Schwedler, Birgit Lindstedt)

 

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