„Ich wollte, dass die Betten nach draußen geschoben werden können“

Mit ihrer Stiftung hat Elisabeth Grümer bereits geschafft, ein Erwachsenenhospiz in Betrieb zu nehmen – ein Unterfangen, das sich sonst nur die großen „Player“ in diesem Bereich zutrauen wie die Bethel-Stiftung oder die Caritas. Jetzt plant die Castroperin den Bau eines stationären Kinderhospizes. Wir trafen uns mit der mutigen und entschlossenen Frau zu einem Interview:

Dunkelbunt: Was war Ihre Idee, als Sie 2001 Ihre Stiftung gegründet haben?

Elisabeth Grümer. (Interviewfotos: Beate Schwedler)

Elisabeth Grümer: Als 1979 mein Vater im Krankenhaus starb, war dies für mich ein Schockerlebnis. Wie dort mit sterbenden Menschen umgegangen wurde, war für mich nicht aushaltbar. Wenn ich ein Leben lang auf dieser Erde gewandelt bin, möchte ich auch in Ruhe Abschied nehmen können, da wünsche ich mir, dass ich in Ruhe gehen kann und nicht in ein Einzelzimmer geschoben werden mit Eisenbetten, an denen die Gitter an der Seite hochgeschoben werden oder wo man womöglich noch fixiert wird. Das fand ich ganz schlimm damals bei meinem Vater. Als wir gefragt haben, wie es aussieht, ob er heute Nacht stirbt, sagten die Ärzte, nein, wir könnten ruhig nach Hause gehen, es würde nichts passieren. Meine Mutter und ich fragten sogar noch einmal nach, ob es nicht doch besser wäre, wenn wir bleiben und wir bekamen noch einmal die Antwort, nein, wir sollten gehen. Also hat man uns nach Hause geschickt und wir waren noch nicht einmal dort angekommen, da ist er schon gestorben. Dieses Erlebnis hat mich am allermeisten geschockt. Dann fuhren wir sofort zurück ins Krankenhaus. Da lag er und ich hatte gar nicht das Gefühl, dass er entspannt aussah. Wenn man in Frieden geht, dann sieht man ja ganz entspannt aus. Das alles hat mich nachhaltig erschüttert und ich habe mir vorgenommen, wenn ich irgendwann mal Geld haben werde, werde ich das ändern. Denn ich möchte von dieser Erde gehen können, wie ich gelebt habe.

Dunkelbunt: Das bedeutet für Sie?

Elisabeth Grümer: Leben heißt für mich nicht Völlerei, Prasserei, sondern ich meine, wie ich gelebt habe zusammen mit der Umwelt, mit dem Regen, mit dem Wind… also muss es doch die Möglichkeit geben, den Menschen, die im Sterben liegen, noch einmal den Regentropfen zu gönnen, den Sonnenschein und auch mal den Wind. Und deshalb haben wir ein Hospiz geplant, das die Möglichkeit bietet, dass man die Betten raus schieben kann, da wir an jedem Zimmer eine Terrasse haben. So kann man bei uns auch Abschied nehmen von den uns umgebenden Mächten. Das war für mich das Allerwichtigste.

Dunkelbunt: Und dann haben Sie überlegt, wie man das realisieren kann?

Elisabeth Grümer: Genau. Dann habe ich ein bisschen Geld geerbt, das habe ich in die Stiftung eingelegt und habe noch ein Grundstück dazu gegeben, dann haben wir dieses Grundstück beplant. Die Stadt Castrop stimmte unseren Plänen nicht zu, aber die Stadt Dortmund stand uns positiv gegenüber und dann hatten wir innerhalb von drei Monaten die Baugenehmigung. 2010 setzten wir die Planung auf, 2011 haben wir gebaut und 2013 konnten wir den ersten Gast begrüßen.

Dunkelbunt: Aus welchem Grund haben Sie die Stiftung gegründet?

Elisabeth Grümer: Wir mussten ja das Geld einlegen – mit einem Verein ist so etwas viel schwieriger. Wir mussten ja über zwei Millionen Euro sammeln. Unser Startkapital betrug seinerzeit 700.000 Euro. Wir haben dann das vorhandene Grundstück getauscht mit der Stadt Dortmund und dann ging alles ratzfatz. Danke an die Stadt Dortmund.

Dunkelbunt: Wieviel Plätze bietet Ihr Hospiz?

Elisabeth Grümer: Zwölf – wir sind das größte Erwachsenenhospiz in Dortmund. Wir haben eine Warteliste leider Gottes, was im Grunde genommen ja eine Diskriminierung ist. Es werden zwar auch viele Palliativstationen gebaut, aber wir sind das einzige Hospiz, das die Möglichkeit hat, die Betten rauszuschieben.

Dunkelbunt: Als Sie Ihre Idee damals bekannt gemacht haben, gab es zwei Erwachsenenhospize in Dortmund, das evangelische von Bethel und das katholische Bruder-Jordan-Haus. Wurde über den Bedarf an Hospizplätzen diskutiert?

Elisabeth Grümer: Und wie. Alle meinten, es gäbe keinen Bedarf an weiteren Hospizplätzen. Das hat uns aber nicht davon abgehalten – denn der Bedarf ist für uns ganz offensichtlich gewesen. Heute haben wir über 90 Prozent Auslastung – das ist sehr gut. Und wir haben sehr gutes Personal, wovon alle ausgebildet sind in Palliativ Care.

Dunkelbunt: Woher kommen Ihre Gäste?

Elisabeth Grümer: Aus Dortmund, Castrop, Unna, Lünen – aus Lünen inzwischen etwas weniger, da Lünen ein eigenes Hospiz hat. Aber wir haben schon einen großen Einzugsgebiet bis nach Bochum. Es ist so, dass die Gäste alle Hospize anschreiben und wer zuerst einen Platz frei hat, der bekommt dann den Gast. Unser Einzugsbereich beträgt ungefähr dreißig Kilometer. Wir hatten aber auch schon einen Gast, der aus Tunesien kam – die Frau kam mit ihrem schwerkranken Mann zu uns ins Hospiz und hat hier mit ihm gewohnt. Wir hatten auch schon einen Gast aus München, einmal aus Bamberg… das kommt auch darauf an, ob beispielsweise die Verwandtschaft hier wohnt – dann bietet sich unser Hospiz an. Wichtig ist auch für uns die Aufnahme von Obdachlosen.

Dunkelbunt: Vor zwei Jahren haben Sie sich ein neues Projekt vorgenommen – den Bau eines Kinderhospizes in Dortmund. Dies erfordert ein ganz anderes Konzept, denn es sind eher Entlastungsangebote für Familien. Wie kam ihre Idee an?

Elisabeth Grümer: Die Alpha-Stelle in Münster winkte ab – sie meinten, niemand brauche ein weiteres Kinderhospiz. Daraufhin haben wir unser Konzept noch einmal genau hinterfragt. Wir haben uns mit den Architekten zusammen Kinderhospize angeschaut. Wir waren in Olpe, in Düsseldorf , in Hamburg und in Berlin. Für mich ist im Vergleich ganz klar Hamburg Vorreiter auf dem Gebiet der Kinderhospize – es ist ein Tageshospiz. In Berlin gibt es ein Tages- und/ Nachthospiz. Das heißt, dass dort lebensverkürzend erkrankte Kinder variabel entweder am Tag oder während der Nacht untergebracht werden können, um der Familie eine Entlastung der Pflege anzubieten. Wir haben daraus abgeleitet, dass der Bedarf auch in Nordrhein-Westfalen da ist, trotz der Aussagen von verschiedenen Politikern.

Dunkelbunt: Wo sehen Sie den Bedarf?

Elisabeth Grümer: Die Lücke, die es in NRW zu schließen gilt, ist ein Tages- und Nachthospiz. Wir haben jetzt schon Anfragen von Familien, die ihre Kinder jetzt nach Olpe oder Düsseldorf bringen, weil hier noch nichts ist. Gleichzeitig werden wir allerdings auch drei Betten für die finale Sterbephase anbieten. Wir werden zwei Zimmer als Familienzimmer anbieten, wo die ganze Familie untergebracht werden kann. Wir planen sechs Betten für die Tages- und Nachtpflege. Wenn Eltern mal verreisen möchten, können sie die Kinder zu uns bringen oder wir holen die Kinder ab, wenn die Eltern arbeiten möchten und bringen sie dann wieder nach Hause. Das ist etwas, was es in dieser Form in NRW noch nicht gibt.

Dunkelbunt: Ihr Kinderhospiz bietet vorwiegend eine Entlastung für die Familien?

Elisabeth Grümer: Ja, wir wissen ja alle, dass viele Ehen zerbrechen an der Last, die auf sie zukommt. Es gibt ja auch noch Geschwisterkinder, die benachteiligt werden könnten – das ist ja die Problematik bei einem schwerst kranken Kind, dass sich alles nur noch um das Kind dreht. Das macht niemand mit Absicht, aber dies liegt einfach in der Natur der Sache.

Dunkelbunt: Was ist geplant für das Kinderhospiz?

Elisabeth Grümer: Wir werden einen Streichelzoo einrichten und einen schönen, großen Spielplatz bauen, so dass auch Geschwister mit einbezogen werden können. Wir bauen teilweise dreistöckig und haben innen auch Elternzimmer vorgesehen mit einem separaten Küchen- und Wohnbereich.

Dunkelbunt: Was haben Sie vor Ihrem Engagement für die Hospizbewegung gemacht?

Elisabeth Grümer: Ich war 18 Jahre lang Lehrerin für Hauswirtschaft an der Berufsschule. Teilweise habe ich schwer für die Schule zu motivierende  und teilweise schwer erziehbare Schüler unterrichtet.  Die Arbeit mit den Schülerinnen war sehr interessant.  Dann hatte ich einen sehr schweren Autounfall und wurde zwangspensioniert. Aber das war mir dann zu langweilig. Erst habe ich dann etwas studiert – Jura, katholische Religion und Geographie –, aber das war auch langweilig.

Dunkelbunt: Ursprünglich kommen Sie von einem Bauernhof?

Elisabeth Grümer: Unser Hof wurde um 1648 das erste Mal urkundlich erwähnt. 1945 dann wurde alles ausgebombt, das war ein schönes Fachwerkhaus gewesen. Wir hatten dann kein Vieh, keinen Teller, keine Tasse, gar nichts mehr. Meine Eltern hatten sich in den Keller gerettet und gleich nach dem Krieg haben sie dann alles 1946 wieder aufgebaut. Ein Jahr später wurde ich geboren. Mein Vater hat 1965 seinen zweiten Herzinfarkt erlitten, daraufhin wurde alles verpachtet, aber ich konnte mich nie von meinen Tieren trennen. Ich bin eben so groß geworden, mit Tieren – das gehört für mich zum Leben dazu.

Dunkelbunt: Zurück zum Kinderhospiz: Wie geht es jetzt weiter mit dem Projekt?

Elisabeth Grümer: Der erste Spatenstich ist geplant für September 2019. Eröffnen wollen wir 2020, wann genau, wird sich in der Bauphase zeigen. Aktuell haben wir alle baubegleitenden Maßnahmen vergeben, so etwas wie das Bodengutachten, das Brandschutzgutachten, die Planung des Parkplatzes, der Zufahrten und solche Dinge. Das Grundstück haben wir bereits seit längerem gekauft. Jetzt im Januar sind wir soweit, dass wir die Baugenehmigung beantragen können – das Konzept hat sich auch noch einmal etwas geändert nach unseren Besuchen in den Hospizen.

Elisabeth Grümer im Planungsbüro des Kinderhospizes. (Foto: Einar Bangsund)

Dunkelbunt: Sie haben ganz schön viel bewegt in Dortmund und bewegen weiter- wie gelingt Ihnen das?

Elisabeth Grümer: Man muss sehr viele Menschen ansprechen – sehr viele auch motivieren nicht wegzusehen  für die Not der Menschen, besonders der Kinder.  Wir sind auch häufig in der Zeitung gewesen, das ist auch wichtig. Vor allem aber ist wichtig, zu erzählen, was man in Hospizen – Positives! – erlebt hat. Das öffnet auch die Herzen bei Menschen, die vorher sagten, dass sie mit dem Thema nichts zu tun haben wollten.

Dunkelbunt: Wir wünschen Ihnen alles Gute für das Projekt!

Interview: Beate Schwedler

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