„Die Zeit heilt gar nichts“

Trauer um einen geliebten Menschen stellt uns vor große Herausforderungen. Wie kann man weiterleben? Gibt es eine Perspektive – und wie sieht sie aus? Und was kann eine Bestatterin hierzu beitragen? Hier folgt der zweite Teil unseres Interviews mit Dagmar Petzgen die bei einem Bochumer Bestatter arbeitet.

Dagmar Petzgen begleitet Menschen in der Trauer

Dunkelbunt: Mit der Trauer setzen sich die meisten Menschen nicht gern auseinander – wenn Sie zu Ihnen als Bestatterin kommen, müssen sie dies aber.
Dagmar Petzgen: Ja, man kommt um die Trauer ja sowieso nicht herum. Wenn man drumherum möchte, entsteht Krankheit. Die Trauer ist da und sie birgt eine unendlich große Kraft – viel kräftiger, als jede Freude sein kann. Die Trauer kann für uns arbeiten oder gegen uns.

Der Trauer Raum geben

Dunkelbunt: Was kann man tun, damit sie für uns arbeitet?
Dagmar Petzgen: Indem man ihr Raum gibt, indem man sie anerkennt, indem man sie teilt, indem man sich nicht wegduckt und sie nicht wegsperrt. Trauer braucht Ausdruck und sie ist höchst individuell. Niemand trauert wie der andere. Und gleichzeitig, bei aller Individualität, ist sie auch höchst sozial. Man braucht den anderen Menschen, man braucht einen anderen, mit dem man die Trauer teilen und dem ich dabei ins Gesicht und in die Augen gucken kann.

Dunkelbunt: Diese Form der Trauer ist nicht sehr verbreitet, scheint mir. Man findet wenig Orte zum Trauern.
Dagmar Petzgen: Vor allem braucht man Menschen zum Trauern. Die Kirche hat sich des Themas angenommen, aber in kirchlichen Trauerfeiern wird oft vor allem weggetröstet mit Gedanken wie „der Verstorbene ist jetzt beim lieben Gott und da geht es ihm doch gut“. Wie der Verstorbene aufgehoben ist, ist aber nur eine Seite der Medaille – die Frage ist doch auch, wie gehe ich mit dem Verlust um? Selten gibt es Tröstliches für die, die zurückbleiben.
Der Gedanke, dass der Verstorbene beim lieben Gott gut aufgehoben ist, kann sogar das Trauern noch schwerer machen, wenn man dann denkt, man sei nicht „richtig“, weil man den Verstorbenen wiederhaben möchte. Vor die vollendete Tatsache des Todes gestellt zu sein – also zu spüren, egal, was ich tue, es ändert nichts an dem Umstand, dass der Mensch tot ist – kann eine gewaltige Herausforderung darstellen. Es tut Müttern und Väter sehr weh, wenn sie beispielsweise hören müssen „ja, dein Kind ist tot, aber du hast ja noch drei“, denn es geht nicht um die drei, es geht um das, was mir fehlt. Das ist auch ein Versuch des Wegtröstens, ebenso wie der Satz „Zeit heilt alle Wunden“. Die Zeit heilt gar nichts, wenn ich nicht trauern kann.

Die Zeit heilt gar nichts

Dunkelbunt: Gab es früher bessere Möglichkeiten?
Dagmar Petzgen: Ja, man könnte sagen, es gab mal eine Zeit, als das Trauern noch geholfen hat. Die Menschen wussten, was notwendig ist. Wenn jemand starb, war das im Nu herum – ganz ohne Whattsapp. Dann kamen alle Nachbarn, haben sich mit ans Bett des Toten gesetzt oder eine hat einen Topf voll Suppe gebracht.

Dunkelbunt: Früher trug man schwarze Trauerkleidung – das fällt heute gar nicht mehr auf, denn Schwarz ist eine Modefarbe.
Dagmar Petzgen: Früher war Schwarz eine Signalfarbe, sie bedeutete: Achtung – ich bin in einer empfindlichen Situation. Achtet auf mich und kümmert euch um mich. Das Schwarze entspricht ja auch oft dem Gefühl – da ist mitten im Sommer plötzlich Winter, es ist kalt und dunkel und rauh – das drückt die Kleidung aus. Das Trauerjahr ist nach meinem Empfinden eine wichtige Zeit, weil man zum ersten Mal alle Jahreszeiten, alle Festtage, alle Geburtstage, zum ersten mal leben muss ohne den Menschen, der gegangen ist. Und beim allerersten Mal tut es am allermeisten weh – jeder hat Angst vor den Feiertagen, vor Weihnachten am allermeisten. Nach diesem Jahr dann weiß man schon: Ich habe es einmal überlebt. Schlimmer als das erste mal kann es nicht werden. Man kommt ja immer wieder an den Todestagen vorbei, man kommt an den Hochzeitstagen vorbei… und die Trauer ist immer noch da. Die Trauer kann man als einen guten Freund ansehen – wenn es mal weh tut im Herzen, denke ich an denjenigen, der gegangen ist. Die Narbe auf dem Herzen, die durch den Verlust entstanden ist, die ist wichtig. Anfangs tut sie höllisch weh, man mag gar nicht dran fassen und erst im Laufe der Zeit legt sich dies, aber sie tut trotzdem manchmal noch weh. Die Narbe erinnert uns an das, was war. Und dann kann es sein, dass man gütig wird und sieht, dass es gut ist, die Narbe zu spüren. Denn gerade dann ist uns derjenige besonders nah. Die Narben erinnern uns an das, was wir verloren haben.

Es ist gut, die Narben zu spüren

Dunkelbunt: Ist die Bestattung selbst etwas, was den Angehörigen nützt in der Abschiednahme?
Dagmar Petzgen: Es ist ein notwendiger Teil des Abschieds, sich von dem Körperlichen zu verabschieden. Es ist der Schritt, den Menschen in seiner Daseinsform loszulassen: Ich kann ihn nicht mehr anschauen, ich kann ihn nicht mehr anfassen, ich kann ihn nicht mehr riechen, ich kann nicht mehr mit ihm sprechen. Den Menschen geht es besser, wenn der Verstorbene beigesetzt ist, ob als Urne oder Sarg ist egal. Nach der Beisetzung geht es für die Angehörigen in eine andere Phase des Lebens, deshalb ist dies ein wichtiger Termin. Bei einer Urnenbeisetzung beispielsweise dauert es manchmal 14 Tage, bis die Trauerfeier stattfinden kann und dann sagen Manche: „Schon???“ und ich antworte dann, dass ihnen die Zeit noch lang werden wird. Erst nach der Beisetzung kann ich die nächsten Schritte gehen. Das sind manchmal so profane Dinge wie die Frage, ob man die Kleidung des Verstorbenen aufhebt, ob man eine Wohnung auflösen muss und so weiter. Mit dem Umgang dieser persönlichsten Dingen fängt man nicht an, ehe derjenige nicht beigesetzt ist. Die Zeit bis zur Beisetzung ist eine Zwischenphase des Sich-Findens und es Überlegens, wie es weitergehen soll, kann, darf.

Dunkelbunt: Wie läuft ein gutes Trauergespräch aus Ihrer Warte ab?
Dagmar Petzgen:.Ein gelungenes Trauergespräch ist für mich eins, in dem mindestens einmal ein Lächeln über das Gesicht der Angehörigen gehuscht ist, weil sie sich an etwas erinnern, was schön gewesen ist mit dem, der gegangen ist.
Ich gucke mir oft als erstes das Bild auf dem Pass an oder ein mitgebrachtes Foto – es ist erstaunlich, was man herauslesen kann auch aus einem normalen Passfoto. Diese konkreten Dinge sind es, die die Erinnerung ausmachen. Zum Beispiel: Wenn Mütter sterben, dann sterben auch oft Rezepte. Zum Beispiel der Sauerbraten, den Mama immer so lecker gemacht hat, der ist dann einfach nicht mehr so zu kriegen. Und so muss man sich vielleicht auch von dem Sauerbraten verabschieden.
Irgend so ein Detail finde ich immer – und wenn es dies gegeben hat, dann ist für mich das Trauergespräch abgerundet. Die Menschen kommen ja zum Bestatter und haben Fracksausen. Und im Laufe des Gespräches kommen sie dann dahin, dass es auch etwas zum Lächeln gab, wenn nicht sogar ein fettes Lachen über irgendeine Anekdote aus dem Leben desjenigen, der gegangen ist. Und dann kommt schon Heilung – das ist ein erster Moment, in dem man fühlt, wie es sein könnte…

Dunkelbunt: Man kann sich anfangs gar nicht vorstellen, dass man mal wieder Spaß haben kann?
Dagmar Petzgen: Ja, manche können sich gar nicht vorstellen, nach der Beisetzung ein Kaffeetrinken zu veranstalten. Dann erinnere ich sie daran, dass man ja nicht wie früher ein Besäufnis veranstalten muss – daher kommt ja auch der Begriff „das Fell versaufen“. Aber man kann sich bei dieser Gelegenheit eben auch darüber unterhalten, was denjenigen ausgemacht hat. Und jeder hat ja einen anderen Blick auf den Verstorbenen. Und wenn man sich länger untereinander unterhält über denjenigen, dann merkt man manchmal, dass es Seiten gab an demjenigen, der gegangen ist, die einem selbst gar nicht so bewusst waren.

Dunkelbunt: Wie kann die Perspektive für die Hinterbliebenen denn aussehen – manchmal muss man sich nach einem Todesfall ja auch selbst von einer kompletten Lebensplanung verabschieden.
Dagmar Petzgen: Es könnte sein, dass es eine ganz andere Qualität in dem Leben gibt, das ich jetzt mit dem Verlust zwar leben muss, aber man kann das auch schön finden, was jetzt ist. Das prägnantestes Beispiel, das ich erlebt habe, ist ein Mann, dessen Sohn, sein einziges Kind, schon drei Jahre zuvor verstorben war. Als 16-Jähriger hat er mit den Kumpels mal Klebstoff schnüffeln wollen, hat extrem allergisch reagiert und ist beim ersten Schnüffeln daran gestorben. Das war eine riesige Tragödie für den Vater und natürlich auch seine Frau, der Mann war den Weg seiner Trauer nach drei Jahren schon ziemlich weit gegangen. Als er gefragt wurde, wo er jetzt mit seinem Verlust steht, sagte er, dass er sich seine Familie mit Kind immer wie ein Leben in Italien vorgestellt hatte: es ist warm, es gibt Südfrüchte, temperamentvolle Menschen, das warme Meer… und jetzt, nach dem Tod des Kindes fühlt er sich, als sei er in Holland und er hatte nie nach Holland gewollt! Aber er stellt jetzt fest, dass man auch in Holland leben kann und auch Holland seine schönen Seiten hat – es ist zwar kälter dort, aber es gibt auch ein Meer, es gibt auch Blumen…
Die Akzeptanz, mit der er das gesagt hat, die hat mich tief beeindruckt. Denn das bedeutet ein Akzeptieren des Verlustes. Es ist auch vielleicht eine Sicht darauf, dass es nicht die Aufgabe meines Kindes ist, dass ich glücklich bin, schon gar nicht des verstorbenen Kindes. Ein verstorbenes Kind hat das Recht auf Ruhe. Es war noch nie dafür verantwortlich, dass ich glücklich bin – ein Kind ist ein Kind. Es kann mich glücklich machen, aber es ist nicht verantwortlich dafür. Das Glück muss ich mir selbst suchen. Und das war für ihn jetzt: Holland. Und er selbst war Österreicher. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie Perspektive sich ändern kann und man das Leben doch schön finden kann. Das bedeutet nicht, dass er nicht auch noch weint um den Verlust seines Sohnes und dass es ihm im Herzen manchmal richtig schwer ist. Mit dem Verlust eines Kindes verliere ich ja auch die Zukunft. Wenn die Freunde des Sohnes später alle heiraten und Kinder bekommen, dann steht er da und sieht: das haben wir alles nicht. Aber wir sind in Holland und Holland ist auch schön.

Fotos: Marc Ahrens

Hier lesen Sie den ersten Teil des Interviews.

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