Mit einem lustigen, traurigen, schmerzhaften und sehr würdevollen Nachruf würdigt Nora Gomringer ihre verstorbene Mutter. „Am Meerschwein übt das Kind den Tod“ hatte die Mutter einst gesagt, als der kleinen Nora – durchaus auch selbstverschuldet – immer wieder die Haustiere wegstarben.
von Alexander Solloch auf NDR-Kultur
Einmal traf Nora Gomringer ihre Mutter in einem Yoga-Retreat in New England; es war natürlich ein Traum, in Wirklichkeit hätte sie sich nie an einen solchen Ort begeben, war sie doch – in den durchaus liebevoll gemeinten Worten ihrer Tochter – „eher eine echte Hexe als eine Achtsamkeitspriesterin“. Jetzt aber war alles anders:
Sie war Würde und Anmut, ich war gekrümmtes Fragezeichen. Und wagte fast nicht zu atmen. Ihre Augen hielt sie geschlossen, bis sie mich auf einmal, ganz unvermittelt, ansah, direkt ansah, und auf Deutsch – ich hatte unter diesen Umständen alle Sprachen erwartet – und völlig ausdruckslos fragte: „Was wollen Sie von mir? Ich kenne Sie nicht.“ Da wachte ich auf und verstand einmal mehr, meine Mutter ist tot und fort. Sie kennt mich nicht mehr, und so ist es nun für alle Zeit. Leseprobe
Wenn Lyrik versagt
Das aber ist nur logisch und fair, räumt die hinterbliebene Tochter ein. Denn wenn der Himmel ein fröhlicher Ort sein soll, muss er von jungen Seelen bevölkert sein, die noch nichts von ihren Kindern wissen. Dann sind sie völlig frei, und nichts anderes haben sie verdient nach einem langen Leben im Ringen um die stets angefochtene Freiheit. So versöhnt sich die Trauernde vielleicht momentweise mit dem Skandal, dass ein geliebter Mensch sterben musste. Sie versöhnt sich und weint und lacht und lernt – tastend mal und mal ganz unbekümmert – das Trauern in einer neuen Sprache; ihre Muttersprache, die Lyrik, hat sie einstweilen abgelegt.
„Über das Herbe der Trauer kann man schreiben, aber über den ganzen bizarren Humor, der auch daraus erwächst, dass man so viele Abschiede auf einmal vorbereiten muss und dass die Toten einen doch hart rannehmen – das ist mir in Lyrik nicht gelungen“, findet Gomringer. „Ich habe überhaupt keine Glaubenskrise gehabt nach dem Tod meiner Mutter, aber ich habe eine Literaturkrise gehabt. Das war unsere Sprache miteinander, und das hielt auf einmal gar nichts mehr.“
Der Tag des Abschieds
Stattdessen wird sie zur Prosa-Erzählerin, erzählt, ungeordnet und doch stringent, vom wilden Leben einer Frau, die lesend und schreibend und rauchend ihre Erfüllung fand, die an ihre Tochter Bücher austeilte wie Schmerztabletten, die die Kunst liebte und die Sprachen und jeden verrückten Gedanken, die sich quälte und entfaltete in der Verbindung mit dem 15 Jahre älteren Lyriker Eugen Gomringer, dem Begründer der Konkreten Poesie, einem allenfalls „punktuell monogamen“ Ehemann, wie die Tochter notiert. Am Tag, an dem die Mutter nach längerer Krankheit starb, war Nora Gomringer die entlassene Schlichterin; die entlassene Tochter auch?
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Ich kam mir vor, als würde ich verabschiedet vor dem Eintritt in eine Kaserne, in der man den Marschbefehl erhalten hatte. Und es bestätigte sich wieder meine kleine Lebensregel: So wie man es fühlt, ist es dann auch. Nur war es in diesem Fall ein stiller Ort, der einen geflüsterten Befehl erhalten hatte: „Gebt sie frei.“ Vielleicht erwähne ich noch den schicken Leichenwagen? Zu Lebzeiten hätte der Mama sehr überzeugt.
„Am Meerschwein übt das Kind den Tod“: Ein würdevoller Nachrough
„Am Meerschwein übt das Kind den Tod“, hatte die Mutter einst gesagt, als der kleinen Nora – durchaus auch selbstverschuldet – immer wieder die Haustiere wegstarben. Aber kann man sich wirklich auf den Tod geliebter Menschen vorbereiten? Und auf ihr Weiterleben nach dem Tod?
Als ich am hundertsten Geburtstag meines Vaters mit ihm im selben Hotelzimmer in Berlin erwachte, war sie vollkommen präsent. Ich spürte ihre Gedanken glasklar, über die Schranken der Sinne hinweg, manifest im Raum. Wie eine Stimme, kurz davor, Körper zu werden. Sie sagte – die Toten sind ja meist wortkarg: „Gut gemacht.“ Und ich wusste, dass sie ihn, aber vor allem mich meinte. Bei mir ergänzte sie außerdem: „Halt ihn noch, solange du kannst, auf der Erde. Wenn er um mich ist, komme ich wieder nicht von ihm weg. Wie soll ich mich da erholen? Leseprobe
Ab da konnte Nora Gomringer ihren Vater noch sieben Monate auf der Erde halten – dann folgte er seiner Frau nach, wenige Tage vor Erscheinen dieses lustigen und traurigen und schmerzhaften und sehr würdevollen Nachroughs.
Nora Grominger
Am Meerschwein übt das Kind den Tod
Seitenzahl: 208 Seiten
Verlag: Volland & Quist
ISBN:978-3-863-91461-5
Preis: 22 €
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