Uwe Schulz über die letzten Dinge und „Exitus-Geschnatter“

Was kommt danach? In seinem Buch „Nur noch eine Tür“ spricht der Autor Uwe Schulz ein Tabuthema an: den Tod. Er hat zwölf Menschen interviewt, die wissen, dass ihr Tod bevorsteht oder die in ihrer täglichen Arbeit damit konfrontiert werden. Was ist wichtig in diesem letzten Teil des Lebens, was zählt?

Forum Dunkelbunt: Man könnte meinen, dass wir durch die vielen, vielen Krimis genug wissen über den Tod. Ist das so?

Uwe Schulz: Schaut wirklich jemand Krimis, um mehr über den Tod zu erfahren? In meiner Wahrnehmung gehts in Tatorten und Thriller-Literatur um morbide Unterhaltung, unterlegt mit ein bisschen Küchenpsychologie und Special Effects. Es geht doch selten um die letzten Dinge im Leben, die uns beseelen oder beschweren. Öffentlich findet meist das spektakuläre Sterben Erwähnung: Straftaten, Unfälle, Naturkatastrophen.

Wer das alltägliche Sterben wahrnehmen will, muss privater und diskreter werden und aufmerksam dorthin schauen, wo es typischer Weise sehr unauffällig geschieht: in unserer Nähe, in der Familie, in unserer Nachbarschaft, in Krankenhäusern, Palliativstationen und Hospizen. Damit wollte ich in den Gesprächen selbst mehr in Berührung kommen, in Begleitung meiner Leserinnen und Leser; jenseits dessen, was eine Palliativmedizinerin, die ich traf, „die Geschwätzigkeit des Todes“ nennt. Das gibt es ja auch: ein aufgeregtes Exitus-Geschnatter, das uns eher die Klarheit des letzten Augenblicks vom Leib halten will.

Forum Dunkelbunt: Uwe Schulz, was hat Sie in den Interviews, bzw. an den Antworten am meisten überrascht?

Uwe Schulz: Dass die Sterbebegleiterinnen und Palliativkräfte, die mehr letzte Türen sich haben öffnen sehen als wir beide, dennoch mit derselben Ungewissheit auf ihr eigenes Ende sehen wie ich: jeder von uns stirbt seinen eigenen Tod, und niemand kann vorhersehen, wie er das hinbekommen wird. Das irritiert mich so sehr wie es mich tröstet.

Forum Dunkelbunt: Uwe Schulz, ihre Gespräche mit Menschen, die dem Tod ins Gesicht sehen, ist 2014 erschienen. Hat sich für Sie selbst etwas verändert durch diese Gespräche?

Uwe Schulz: Meine Berührungsangst ist kleiner geworden. Mein Respekt vor der Arbeit der Leute in der Palliativmedizin ist noch größer geworden und meine Dankbarkeit für die Errungenschaften der Pharmazie, die heute so viel Leid lindern und auf ein erträgliches Maß reduzieren kann.

Forum Dunkelbunt: Das Sterben und der Tod liegen meist in Händen von professionellen Fachkräften – von Krankenpflegern, von Ärzten, von Hospizmitarbeitern – wir als Privatpersonen sind dem Thema Tod hierdurch entfremdet. Kann man den persönlichen Umgang damit wieder erlernen?

Uwe Schulz: Schauen Sie sich um: Überall wachsen Netzwerke ambulanter und stationärer Sterbebegleitung, in denen wunderbare Menschen ehrenamtlich einfach für andere da sind. Sie sind meist nur zwei Mausklicks und einen Telefonanruf entfernt. Aber vielleicht fängt es besser dort an, wo viele schon aufhören: Ich habe vor ein paar Wochen überraschend meinen Schwager verloren und war verblüfft, wie manche vermeintlichen Freunde bald danach den Gesprächsfaden mit der Witwe haben abreißen lassen.

Vielleicht nähern wir uns besser erst einmal wieder dem Tod und dann erst dem Sterben. Beide sind Bestandteile des Lebens, beiden gehen wir instinktiv aus dem Weg. Nur weil jeder seinen eigenen Tod stirbt, muss er doch dabei nicht allein bleiben. Die schlichte Leitfrage fürs eigene Tun heute könnte lauten: Auf welche Beziehungen möchte ich mich denn verlassen, wenn ich auf meine letzte Tür zugehe? Welche Bedürfnisse sehe ich bei mir selbst und beim anderen?

Forum Dunkelbunt: Sind bei Ihnen selbst noch offene Fragen geblieben nach diesen 12 Interviews? Oder ist damit praktisch alles gesagt?

Uwe Schulz: Ich könnte jetzt lange philosophieren, wann im Leben wirklich alle Fragen geklärt sind. Für mich als Christ ist das eine Sache für die Ewigkeit. Mir gefallen zwei Gedanken im Leben vor dem Tod. Rainer Maria Rilke ermutigt mich, jetzt „die Fragen zu leben“ und vielleicht später „in die Antworten hinein“. Und mein anderer Lieblingsliterat, Kurt Tucholsky, bringt’s herrlich lakonisch so auf den Punkt: „Wenn ich jetzt sterben müsste, würde ich sagen: »Das war alles?« – Und: »Ich habe es nicht so richtig verstanden.« Und: »Es war ein bißchen laut.«“ Eine Frage, zwei Erkenntnisse; so könnte es für mich auch kommen – oder ganz anders.

(Fragen: Beate Schwedler;
Foto: WDR)

Über Uwe Schulz:

Uwe Schulz ist Vollblut-Journalist und Moderator bei WDR5. Hunderttausende Menschen hören seine Stimme täglich. Tausende lesen seine Sach- und fiktionalen Geschichten.
Erstzulassung 1966. Dipl.-Journalist, Radiomacher, Medientrainer, verheiratet, kompletter Impfschutz, Fußball-bekloppt.

 

Uwe Schulz:
Nur noch eine Tür
Letzte Gespräche an der Schwelle des Todes
Verlag Fontis
Taschenbuch, 200 Seiten
12,99 Euro

 

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