Jedes Jahr am 10. September kommen auch in Dortmund Menschen zusammen, um den Menschen zu gedenken, die durch Suizid aus dem Leben gegangen sind. 2024 gab es zwei besondere Reden zu hören, die wir hier gerne veröffentlichen. Einmal ist es Matthias Suelmann, kaufmännische Direktor der Klinik Westfalen, der eine besondere Rede hielt und einmal die Mutter eines Sohnes, der sich das Leben nahm. Beiden ist wichtig, das Schweigen über Suizid zu brechen.

Rede von Matthias Suelmann (Kaufmännischer Direktor des Klinikums Westfalen)
Liebe Anwesende,
wir haben uns heute hier im Stadewäldchen versammelt, um anlässlich des „Internationalen Tags der Suizidprävention“ der Menschen zu gedenken, die durch Suizid aus unserem Leben gegangen sind. Diese Zusammenkunft ist nicht nur ein Zeichen des Erinnerns, sondern auch ein wichtiger Schritt, um das Schweigen über ein Thema zu brechen, das in unserer Gesellschaft noch immer mit einem Tabu behaftet ist:
die Selbsttötung.
Heute geht es darum, all den Menschen, die diesen schweren Weg gegangen sind, Raum zu geben. Aber es geht auch darum, Ihnen – den Hinterbliebenen – Unterstützung zu geben, mit dem schmerzhaften Verlust weiterzuleben. Das Gefühl, mit dem Verlust allein zu sein, ist oft erdrückend. Es macht vielleicht auch wütend. Doch gerade in Momenten wie diesen wird deutlich:
Wir alle sind miteinander verbunden.
Der Gedanke der Verbundenheit erscheint mir in diesem Zusammenhang besonders passend.
– Ich meine nicht damit, dass wir, die wir uns hier versammelt haben, miteinander verbunden sind. Das sind wir ganz offensichtlich.
– Ich meine aber Verbundenheit in dem Sinne, die über den Tod hinausgeht, und auch über die Geburt – die Geburt von uns aller. Also in beide Richtungen. Unsere Taten und Worte, die Art, wie wir leben und handeln, haben eine Wirkung, die über unsere Zeit hier – hinaus Bestand hat. Ich möchte ein Zitat aus dem Film „Cloud Atlas“ teilen, dass dies besser ausdrückt.
„Zu sein – heißt wahrgenommen zu werden. Und nur durch die Augen eines anderen ist es uns möglich, uns selbst zu erkennen. Das Wesen unseres unsterblichen Wesens liegt in den Konsequenzen unserer Worte und Taten, die uns überdauern und sich fortsetzen, bis ans Ende unserer Zeit. Unsere Leben gehören nicht uns. Von der Wiege bis zur Bahre sind wir mit anderen verbunden – in Vergangenheit und Gegenwart. <…> Die Wirkung unserer aller Leben dauert an bis ans Ende aller Tage.“
Dieses Zitat erinnert uns daran, dass unsere Leben niemals isoliert sind. Wir sind alle Teil eines größeren Ganzen, unsere Handlungen, Gedanken und Gefühle schwingen weiter, auch wenn wir selbst vielleicht nicht mehr da sind. Die Menschen, die wir verloren haben, sind auf ihre Weise noch immer bei uns – in den Erinnerungen, den Geschichten, in den Spuren, die sie hinterlassen haben. Und sie beeinflussen unser Verhalten, unsere Taten, unsere Gedanken. Heute erinnern wir uns an sie, und gleichzeitig erkennen wir, dass wir durch unsere Verbundenheit füreinander Verantwortung tragen. Wir dürfen nicht schweigen, wenn Menschen in unserer Nähe verzweifeln. Es liegt an uns, die Hand auszustrecken, zuzuhören, und vor allem: da zu sein.
Das Krisenzentrum in Dortmund, in Trägerschaft des Knappschaftskrankenhaus Dortmund übernimmt gemeinsam mit der Stadt Dortmund und dem Land NRW in dieser Verbundenheit Verantwortung und leistet einen wichtigen Beitrag für die Suizidprävention und Unterstützung in Krisensituationen.
Ich möchte an dieser Stelle all den Beschäftigten in den Beratungsstellen danken und auch der Stadt Dortmund, dem Land NRW und jedem einzelnen Spender dafür, dass mit ihrer finanziellen Unterstützung dieses Angebot ermöglicht und allen Betroffenen in Krisensituationen Unterstützung widerfährt.
Lassen Sie uns heute nicht nur gedenken, sondern auch Mut schöpfen. Lassen Sie uns darüber sprechen, was uns bewegt, was uns verbindet, und lassen Sie uns weiter füreinander da sein.
Unser Handeln wirkt in der Gegenwart und für die Zukunft. Und das Handeln aller vor uns, beeinflusst das unsere.
Vielen Dank.

Text der Gedenktafel:
Wenn jemand sich selbst tötet, ist diesem Entschluss oftmals unglaublich viel Schmerz und Leid vorausgegangen. Diese Art von Tod ist anders als die anderen.
Alle 40 Sekunden nimmt sich weltweit ein Mensch das Leben. In Dortmund töten sich jedes Jahr mehr als 50 Menschen selbst. Auf jeden vollendeten Suizid kommen über 10 Suizidversuche.
Der Mensch, der aus eigenem Antrieb gegangen ist, hinterlässt bei denen, die zurückbleiben, häufig einen so gewaltigen Schmerz, dass sie glauben, daran zu zerbrechen.
Dieser Baum wurde in Gedenken an alle Dortmunder gepflanzt, die sich selbst getötet haben.
Der Gingkobaum steht traditionell für Stärke, Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit. Allen, die sich mit Suizidalität und Suiziden auseinandersetzen, möge er deshalb ein Symbol des Tröstens und der Hoffnung sein.
Denn es gibt Wege aus dem Schmerz, der Trauer und der Verzweiflung.
Diese Gedenktafel wurde vom Freundes- und Förderkreis Krisenzentrum Dortmund e.V. gestiftet. September 2020
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