Wer Leben will, muss auch die Konsequenzen tragen: Hanna Heim ist Journalistin und legt im Heyne-Verlag ihr Roman-Debüt vor. Es ist eine bewegende Familiengeschichte, in dessen Zentrum der verstörende Entschluss vom selbstbestimmten Sterben steht. Hier ein Verlags-Interview mit der Autorin:
Frage: Ihr Roman basiert auf einer sehr persönlichen Erfahrung: dem Freitod Ihrer Großeltern. Wie haben Sie entschieden, diese Familiengeschichte in einen fiktionalen Rahmen zu setzen – und wo verläuft für Sie die Grenze zwischen autobiografisch und literarisch?
Hanna Heim: Am Anfang, als meine Großeltern angekündigt haben, zum Ende des Sommers gemeinsam gestorben zu sein, war das Schreiben eher eine Art Selbsttherapie. Seite um Seite habe ich vollgeschrieben, alles mit der Hand, teilweise kaum noch leserlich: Wer sagt was? Wer nimmt welche Rolle ein? Was für ein Wetter war an dem Tag? Wo war ich? Es musste einfach alles raus. Irgendwann dann habe ich gemerkt, dass in der emotionalen Achterbahn, die ich damals gefahren bin, so oder so ähnlich ganz viele Menschen schon sitzen und saßen – oder noch sitzen werden.
Deshalb sehe ich HOFSOMMER auch als Unterstützung für andere: Das passiert. Jeden Tag sterben Menschen, einige wenige so wie meine Großeltern, die meisten so wie mein anderer Opa, der nur kurz vorher an „Lebensmüdigkeit“ gestorben ist.
Schon seit Doreen denken kann, ist Fallera für sie ein Sehnsuchtsort. Auf dem Pferdehof im Osten der Republik ist sie aufgewachsen, bei ihrer Mutter und den Großeltern, die den Hof in der DDR aufgebaut haben. Ausgerechnet als Doreen sich in München ein eigenes Zuhause aufbauen will, fassen ihre Großeltern einen Entschluss: Sie möchten sterben, freiwillig und gemeinsam, bevor die letzte Meile anbricht. Als Doreen davon erfährt, packt sie ihre Sachen und lässt das Großstadtleben hinter sich, fest entschlossen, das Vorhaben ihrer Großeltern zu verhindern und ihnen das Leben wieder schmackhaft zu machen. Doch Maria und Helmut sind genauso dickköpfig wie ihre Enkelin – und Doreen wird langsam klar, dass nach Hause kommen auch bedeuten kann, Abschied zu nehmen.
Und damit diese Erkenntnis leichter zu ertragen ist, spielt HOFSOMMER auf einem Ponyhof, in idyllischer Natur. Die Menschen sind freundlich, es ist Sommer – wo, wenn nicht in so einem Setting, könnte es halbwegs erträglich sein, wenn jemand sagt: „Ich will sterben“?
Frage: Haben sich durch Ihre Erfahrung und bei der Arbeit an dem Roman Ihre eigenen Gedanken über Sterben, Abschied und Weiterleben verändert?
Hanna Heim: Auf jeden Fall. Ich hatte davor immer nur sehr theoretisch darüber nachgedacht, hatte mir irgendeine Meinung gebildet und ansonsten immer gehofft: Vielleicht leben die ja auch für immer. Aber plötzlich war ich mittendrin, und das Thema Abschied stand riesengroß in meinem Leben.
Es hat gedauert, bis ich die einzelnen Aspekte aufgedröselt hatte und mir all diese großen Fragen überhaupt stellen konnte: Bin ich zufrieden mit dem, was ich bisher geschafft habe? Was, wenn ich morgen sterben muss – wäre das okay für mich? Ich wünschte, ich wäre darauf besser vorbereitet gewesen. Am Ende dieses Prozesses hatte ich zum ersten Mal verstanden, wie knapp bemessen meine Zeit in diesem Leben ist. Das hat mir geholfen, neue Prioritäten zu setzen.
Frage: Assistierter Suizid ist in Deutschland rechtlich wie moralisch ein umstrittenes Thema. Inwiefern haben Sie beim Schreiben darauf Rücksicht genommen?
Hanna Heim: Für mich war es sehr wichtig, die expliziten Szenen in Ruhe zu schreiben. Kein Drama, kein Übersteigern, vor allem keine Wertung. Dafür habe ich diese Tage quasi nochmal durchlebt, habe mit meinen Eltern darüber gesprochen und auch mit anderen Menschen. Die Reaktionen gingen immer in zwei entgegengesetzte Richtungen: Entweder waren die Leute geschockt und haben gefragt, ob das legal sei. Oder sie haben mir anvertraut, dass sie auch jemanden kennen, der den assistierten Suizid gewählt hat.
Die Gespräche darüber, aber auch die Statistiken sprechen dafür, dass das Thema in Zukunft präsenter wird. Allein schon, weil wir in einer Zeit extremer Selbstbestimmung leben. Aber auch, weil die Menschen älter werden und tendenziell gesünder bleiben. Ich glaube, der assistierte Suizid wird künftig für mehr Menschen eine reelle Option sein – deshalb sollten wir darüber sprechen.
Ich finde es wichtig, offen zu sagen, dass es assistierten Suizid gibt, dass das in einem engen Rahmen nicht verboten ist. Und gleichzeitig ist es eine Handlung, die an Radikalität nicht zu übertreffen ist, auch das ist wichtig zu erklären. So ein Abgang verändert die Tektonik einer ganzen Familie. Das ist ganz anders als bei einem natürlichen Tod.
Frage: Kann man als Angehöriger den Freitod überhaupt verstehen und den Sterbenden in Frieden gehen lassen? Was macht das mit einer Familie?
Hanna Heim: Ich fürchte, das hängt davon ab, wie man selbst zu dem Thema Sterben im Allgemeinen und Suizid im Besonderen steht. Für mich kann ich sagen: Ich verstehe sie. Es ging, glaube ich, nicht darum, dass sie so nicht mehr leben wollten. Es war eher ein: Ich will so nicht sterben. Und dieser Wille war nicht zu bändigen. Die beiden haben uns vor vollendete Tatsachen gestellt, wir, ihre Kinder, Enkelkinder und Freunde, hatten uns dazu zu verhalten.
Ich glaube, wir alle haben gekämpft, um schöne letzte Momente, um ein letztes Telefonat, um irgendetwas, das diese Schmerzen lindert. Ich für meinen Teil habe bis zum letzten Tag sogar gehofft, dass sie es doch nicht machen. Das hatte etwas sehr Brutales. Sie haben sich von uns abgewendet, so fühlt sich das an.
Erst drei Jahre später haben wir zum ersten Mal seit ihrem Tod wieder alle gemeinsam Weihnachten gefeiert. Es war sehr schön zu sehen, dass die beiden trotz allem wie Kitt zwischen uns sind. Sie waren dabei, obwohl sie nicht mehr anwesend waren.

Frage: Dieses Weihnachtsfest fand in ihrem Haus in Brandenburg statt. Sie selbst sind nach über zehn Jahren in München dorthin zurückgegangen. Welche Rolle spielt für Sie das Motiv „Heimat“ – und war das Schreiben von HOFSOMMER eine Art Brücke zurück?
Hanna Heim: Heimat ist für mich wie für so viele ein schwieriger Begriff. Mein Opa war Vertriebener aus Böhmen, meine Oma hat den Krieg in Dresden überlebt. Meinen leiblichen Vater kenne ich nicht, das Land, in dem ich geboren wurde, die DDR, gibt es nicht mehr, irgendwie nicht überraschend, dass ich mein ganzes Leben lang immer nur weg und weiter wollte.
Während der Pandemie dann, als das absolut nicht mehr ging, haben mein Mann und ich eher aus pragmatischen Gründen entschieden, nach Brandenburg zu ziehen, in das Haus, in dem ich schon einmal gewohnt habe. Als ich damals meiner Oma davon erzählt habe, war ihre Antwort: „Das werden wir nicht mehr erleben.“ Sie hatte dabei so einen „Das tut mir jetzt leid für dich“-Unterton, und ich finde es bis heute traurig, dass sie recht behalten hat.
Im Schreibprozess dann habe ich zugelassen, dass Doreen, die Hauptfigur, den Pferdehof ihrer Großeltern als Heimat bezeichnet. Und sofort habe ich sie darum beneidet. Insofern: ja, durch HOFSOMMER konnte ich mir eingestehen, dass auch ich eine Heimat haben möchte. Heute lebe ich wieder in dem Haus, in dem ich sehr glückliche Kindheits- und Teenager-Jahre hatte, und gehe sogar wieder dort reiten, wo ich es früher gelernt habe. Es ist das erste Mal in meinem Leben, dass ich mich wirklich zu Hause fühle.
Frage: Ein Roman bietet wie kein anderes Medium die Chance, mit dem Geschehen mitzufühlen. Was kann HOFSOMMER beitragen zur aktuellen Debatte um Sterbehilfe und selbst-gewählten Tod?
Hanna Heim: Als Journalistin ist es mein Job, bei meinem Publikum Gefühle zu wecken, um Inhalte transportieren zu können. Je komplizierter der Inhalt ist, desto mehr Emotions-Hebel muss ich finden. Deshalb war es für mich die beste Methode, das komplizierteste aller Themen – unser aller Endlichkeit – in die fiktionalste aller Formen zu bringen.
Denn natürlich ist mir klar, dass niemand sich ständig damit befassen möchte, dass er oder sie irgendwann nicht mehr sein wird. Zusätzlich hat ein Buch neben der emotionalen Reibefläche, die es anbietet, noch einen anderen großen Vorteil: Wer eine Pause braucht, kann es zuklappen und dann zurückkehren, wenn es passt. Und versprochen: Es geht gut aus, und es ist auch ein bisschen lustig.
Zur Autorin

Hanna Heim, geboren 1988, stammt aus Ostberlin und arbeitet als Wirtschaftsjournalistin. Sie lebt gemeinsam mit Mann und zwei Töchtern in der Nähe von Berlin. Nach dem gemeinsamen Tod ihrer Großeltern hat sie sich entschlossen, ihre Familiengeschichte als Roman zu verarbeiten.
Hanna Heim
Hofsommer
Roman
Hardcover, Gebunden mit Schutzumschlag, 288 Seiten
ISBN 978-3-453-27531-7
€ 24,00 [D] / € 24,70 [A] / CHF 33,50
Erscheinungstermin: 29. April 2026
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