„Im Handy kann ich das Leid wegwischen, statt mich ihm zu stellen“

Wer schon einmal eine schwere Lebensphase durchgemacht hat, kennt das Problem: Offenes, angemessenes Leiden ist ein gesellschaftliches Tabu. »Halb so wild« oder »das wird schon wieder«, heißt es da. Dieser Haltung widerspricht Dr. Nady Mirian in ihrem Buch „Leid, die emotionalen Wellen des Lebens“, erschienen bei Kösel. Die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin sowie Dozentin an der Universität zu Köln hat Forum Dunkelbunt ein Interview gegeben:

Dr. Nady Mirian

Forum Dunkelbunt: Frau Dr. Mirian, ist Leid denn wirklich in jedem Leben ein unvermeidlicher Bestandteil? Und was bedeutet Leid überhaupt – Verlust?

Dr. Nady Mirian: Leid ist ein unvermeidlicher Bestandteil unseres Lebens, der uns alle betrifft. Nicht nur die Welt leidet aktuell vermehrt – überall herrschen Krieg, Hunger, Not und Ungerechtigkeit – sondern auch wir in unserem alltäglichen Leben. Viele Menschen durchleben tagtäglich leidvolle Erfahrungen, die plötzlich und unerwartet eintreten und unseren Alltag auf den Kopf stellen. Das Leben überrascht uns häufig, manchmal schön und manchmal weniger schön – so ist das Leben. Es gibt kein Leben ohne Leiderfahrungen. Leid kommt in Wellen, wie es auch die amerikanische Schriftstellerin Joan Didion in ihrem Buch „Das Jahr des magischen Denkens“ beschrieb, in dem sie über den plötzlichen Tod ihres Mannes schrieb.

In meinem Buch definiere ich Leid als das psychologische Pendant zum Begriff Schmerz, welcher das physiologische Pendant darstellt. Leid ist nicht per se pathologisch, wie es häufig dargestellt wird, sondern beschreibt eine Mischung aus Emotionen wie Wut, Ohnmacht und Trauer, die wir erleben, wenn wir schwierige Situationen durchmachen. Der Begriff Schmerz reicht mir nicht aus, um beispielsweise den Zustand nach einer Verlusterfahrung zu beschreiben. Aus diesem Grund habe ich bewusst acht resiliente Menschen interviewt und ihre verschiedenen Leiderfahrungen skizziert. Darunter sind Teresa Enke, die ihre Tochter und ihren Ehemann verlor, sowie Parastou Forouhar, deren Eltern vom islamischen Regime im Iran ermordet wurden. Auch die New Yorker Künstlerin Miya Ando, die über ihre Bikulturalität und Migrationserfahrung nach Amerika aus einem japanischen Tempel sprach, gehört dazu. Leid umfasst nicht nur Verlust- und Trennungserfahrungen, sondern auch finanzielle Krisen, Krankheiten oder das Gefühl, nicht dazuzugehören, keine Freunde zu haben oder von den Eltern nicht verstanden zu werden. Alles, was eine widrige Situation beschreibt, kann Leid sein; es ist subjektiv und menschlich.

Beim Leid gibt es keine Hierarchie, was in unserer heutigen Gesellschaft, die sich über kategoriale Zuschreibungen wie „Du darfst leiden, du darfst nicht leiden“ definiert, besonders schwierig ist. Nehmen wir als Beispiel eine Trennung: Es wird oft erwartet, dass man sehr schnell darüber hinwegkommt. Man erhält positive Zusprüche von außen, doch es ist in Ordnung, wenn man nicht sofort darüber hinweg ist, sondern die Wunde erst einmal mit sich trägt. Leid ist echt, subjektiv und bedeutsam. Da hilft kein „Okay, es ist jetzt sechs Monate her, jetzt genieß doch wieder das Leben.“ So etwas funktioniert nicht, denn Zeit heilt keine Wunden, sondern wir aber wie wollen wir das machen, wenn das Außen uns immer soviel vorschreibt? Das ist schwierig.

Forum Dunkelbunt: Was ist Ihre Erfahrung, wie Menschen mit Leid in unserer Gesellschaft umgehen?

Dr. Nady Mirian:  Zunächst ist es wichtig zu betonen, dass die Gesellschaft, in der wir leben, nicht nur schnelllebig ist, sondern auch – wie Jeremy Bentham es damals mit dem Gefängnismodell des Panopticons beschrieben hat – Überwachung und Kontrolle manifestiert. Das bedeutet, wir leben in einer Zeit, in der Gefühle kontrolliert werden, und wir sollen immer im „Happy Modus“ sein. Alles Unangenehme soll schnell überwunden werden. Unsere Gesellschaft hat Angst vor Leiderfahrungen, obwohl diese ein allgegenwärtiges Phänomen sind. Zugespitzt formuliert: Entweder betäuben wir uns mit Drogen oder Alkohol, ziehen von Ort zu Ort und versuchen, uns vor dem Leid, das wir erfahren haben, zu verstecken, es zu sedieren oder davon wegzulaufen. Oder wir gehen ins andere Extrem, treiben exzessiv Sport, stellen uns selbst dar und behandeln das Thema Therapie medial so sehr, dass es schon an Bedeutung verliert. Wir wollen das Leid um jeden Preis loswerden, anstatt uns ihm zu stellen. Doch wir wissen auch, dass all diese Dinge nicht helfen, unser Leid wirklich zu bewältigen – es beginnt alles bei uns selbst.

Wir leben in einer überwachenden, kontrollierenden und stark dichotom denkenden Gesellschaft. Niemand möchte sich wirklich hinsetzen und tatsächlich am Leid arbeiten; es geht immer nur darum, es schnell loszuwerden. Doch eine Sache, die auch psychologisch nachgewiesen ist: Emotionen verschwinden nicht einfach – sie kehren immer wieder in Wellen zurück. Wir haben Angst vor Leid und vor der Realität. In meinem Buch nenne ich das „Raus aus der Seifenblasen-Realität“, etwas, das auch meine acht Interviewpartner*innen auf beeindruckende Weise getan haben. Mein Interviewpartner Dr. Dogs, der eine traumatische Kindheit mit Missbrauch und Heimerfahrungen durchlebte, sprach über seine vielen Leiderfahrungen und sagte: „Es ist ein Teil deines Wachsens. Nicht nur akzeptieren, sondern integrieren: ‚So ist das Leben.‘ Und diese Integration ist so wichtig – das erlebe ich auch im therapeutischen Prozess –, dass ein Trauma nichts Bedrohliches ist, sondern etwas Gutes.“
Alles, was uns hilft zu wachsen, ist positiv, so sehe ich es auch. Wachsen ist schmerzhaft, doch es macht uns frei. Unsere Gesellschaft ist eher unfrei, wir spielen uns jeden Tag etwas vor.

Forum Dunkelbunt: Ist es nicht auch so, dass Leid oder das Leiden andererseits auf Social Media oftmals geradezu inszeniert wird? Und warum?

Dr. Nady Mirian: Das Teilen von Leiderfahrungen auf Social Media, worüber ich auch ein komplettes Kapitel in meinem Buch geschrieben habe, betitelt „VOM SHITSTORM ZUM LEIDSTORM: KEIN INSTAGRAM-LIKE HILFT DEINER LEIDVERARBEITUNG“, ist zu einem kapitalistischen Geschäft geworden. Menschen teilen ihr Leid, erhalten Likes und Follower, geben etwas Persönliches preis und erzielen dadurch sowohl virtuellen als auch finanziellen Gewinn – so funktioniert Social Media. Es findet Anklang in der Gesellschaft und wird daher immer stärker inszeniert.

Einerseits finde ich es positiv, dass es so viele mutige Menschen gibt, die sich trauen, ihre Erfahrungen öffentlich zu machen und sie mit uns zu teilen. Andererseits ist es jedoch zu einem Massenprodukt geworden, das wir einfach virtuell wegwischen. Überall begegnet uns „Ich und mein Verlust“, „Ich und meine Krankheit“ – es geht oft mehr um das „Ich“, um Selbstdarstellung. Für die Teilenden kann es auch psychologisch gefährlich sein, da sie lernen, ihr Leid über die Reaktionen von außen zu regulieren, was jedoch nicht nachhaltig funktioniert. Externe Validierung nimmt dann Überhand: Ein netter Kommentar kann vielleicht kurzfristig Trost spenden, aber er trägt nicht zur echten Integration des Leids bei, wenn es nur inszeniert wird. Dadurch verliert das Leid wieder an Wertigkeit. Alles, was im Übermaß vorhanden ist, verliert seinen Lerneffekt. Das hat auch nichts mit Enttabuisierung zu tun, denn Enttabuisierung bedeutet Aufklärung und Integration im alltäglichen Leben.

Wir klären zwar auf, aber machen dann weiter wie zuvor- die Integration wird übersprungen. Zusätzlich zu diesem fehlenden Lernerfolg bleibt das Leid im Handy – es ist nicht direkt bei mir, ich kann es wegwischen, wenn es mir zu viel wird. Der Philosoph Byung-Chul Han hat treffend formuliert: „Storytelling is Storyselling.“ Man darf nicht vergessen, dass der Kapitalismus im Hintergrund stets präsent ist.

Forum Dunkelbunt: Warum ist es Ihnen ein Anliegen, das Leid als Chance anzunehmen und anzuerkennen? Warum liegt Ihnen dieses Thema so am Herzen?

Dr. Nady Mirian: Natürlich ist meine eigene Vita sehr präsent und in vielerlei Hinsicht auch leidvoll. Einige Aspekte und Beobachtungen teile ich in meinem Buch: Meine Eltern kommen aus Persien und sind vor der islamischen Revolution nach Deutschland geflüchtet. Mein Vater, ein Journalist und Feminist, entschied sich frühzeitig, das Land zu verlassen, um schlimmeren Konsequenzen zu entgehen. Meine Mutter folgte ihm. Die Leiderfahrungen meiner Eltern wurden nie offen thematisiert, aber sie waren stets präsent.

Die vielen Verluste, die sie durch das totalitäre Regime erlitten haben, haben auch bei mir Wunden hinterlassen, obwohl wir nie offen darüber gesprochen haben. Das Leid war zwar unsichtbar, aber dennoch allgegenwärtig. Ich habe immer gespürt, dass meine Eltern litten, so wie viele meiner Landsleute und die Menschen, die seitdem tagtäglich im Iran hingerichtet, gefoltert und sanktioniert werden. In der Schule habe ich zum Beispiel nie verstanden, warum man nicht weinen darf, wenn man hinfällt – das tut doch weh. Ich erinnere mich an die Lehrerin, die fürsorglich sagte: „Weine nicht, Liebes.“ Auch hier zeigte sich eine institutionalisierte Form der Leidverdrängung.

Ich bin eine große Kunstfreundin, was mich seit meiner Jugend prägt. Schon früh habe ich mich mit Dokumentar- und Kriegsfotografie beschäftigt, insbesondere mit Magnum Photos, Henri Cartier-Bresson, James Nachtwey und Sebastião Salgado. Die Bilder von ausgehungerten Körpern und Menschen, die nichts zu essen haben, zeigten mir das Leid auf so transparente Weise, während es in meiner eigenen Welt so intransparent war. Dann prägte mich Kafka zu dieser Zeit sehr, da er in der Lage war sein Leid zu integrieren und gesellschaftlich aufzuarbeiten.

Ich habe den tiefen Wunsch, dass Menschen dieses Buch lesen und die Erlaubnis erhalten, zu leiden, ohne sich gleich psychisch krank zu fühlen, „nur“ weil sie eine schwere Phase durchleben. Es ist mir wichtig, dass wir nicht alle Gefühlszustände pathologisieren, nur weil jemand auf Instagram Leid als negativ beschreibt. Durch die Interviews, die zum Teil sehr tief gehen, hoffe ich, dass die Leser*innen wachsen können.

Das Buch liegt mir so am Herzen, weil ich nicht möchte, dass so viele junge Menschen sich von der gesellschaftlichen Blase beeinflussen lassen und die Sinnhaftigkeit in ihren Leiderfahrungen finden, zu sich finden. Aus Leid sich selbst entfalten, kreieren und an sich zu glauben- Ich war selbst sehr lange damit beschäftigt mich von der gesellschaftlichen Denkweise prägen zu lassen und es war ziemlich harte Arbeit mich davon zu befreien: Es ist vollkommen in Ordnung, mit Leiderfahrungen weiterzuleben und ihnen auch nach Jahren noch nachzutrauern. All das erkläre ich ausführlich in meinem Buch, in der Hoffnung, dass wir lernen, dass Heilung bei uns selbst und unseren Wunden beginnt.

Forum Dunkelbunt: Sie wünschen sich, dass wir uns eine gesunde, individuelle und angemessene Leidkultur zurückerobern. Was würde das bedeuten?

Dr. Nady Mirian: Vor allem in unserer kapitalistischen und digitalisierten Welt ist es besonders wichtig, dass wir zu uns selbst zurückfinden. Die „Leidkultur“ zurückzuerobern bedeutet, bei sich zu bleiben, an sich und seinen Wunden zu arbeiten, anstatt ständig im Außen nach Lösungen zu suchen. Leidverarbeitung bedeutet, zu schauen, wie ich das Erfahrene in mein Leben integriere und als Bestandteil annehme. Schritt für Schritt lerne ich mich selbst dadurch besser kennen. Leid mag wie ein tiefes Loch erscheinen, aber es kann uns helfen, wieder zu uns selbst zu finden. Wir können Leiderfahrungen nicht ungeschehen machen, auch wenn wir es uns anders wünschen. Aber wir können an ihnen wachsen: Wachstum bedeutet, an sich zu arbeiten, seine Wunden kennenzulernen und vor allem, zu spüren. So wie der griechische Dichter Aischylos meinte-Pathei Mathos- Durch Leid lernen.

Niemand weint gerne viel, das ist verständlich, aber Weinen ist genauso wichtig wie Lachen. Beides gehört zu einem Kontinuum des Lebens.

Leidkultur bedeutet, die Freiheit zu haben, die innere Freiheit zu spüren, Gefühle zuzulassen – Leid zu erfahren und es auch zu akzeptieren, jeder in seinem eigenen Tempo. Alles fängt bei dir an und so können wir eine Leidkultur integrieren. Raus aus der Seifenblasen-Realität, rein ins wahre Leben.

Forum Dunkelbunt: Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Beate Schwedler

 

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Dr. Nady Mirian
Leid – Die emotionalen Wellen des Lebens
Warum schwere Lebensphasen dazugehören und uns sogar wachsen lassen
208 Seiten
Kösel Verlag
20 Euro (erscheint am 28. August 2024)

 

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