„Wir reden übers Sterben mit…“

Das Bloggen ist eine schöne Einrichtung. Kaum hatte ich meinen Dunkelbunt-Blog veröffentlicht, folgte schon die Anfrage für ein Interview, und zwar von den beiden Bloggerinnen Annegret Zander und Petra Schuseil, die Ende 2014 ihren „Totenhemd-Blog“ ins Leben riefen. Hier das Interview:

Kannst du uns ein bisschen zu dir selbst erzählen?

Mein ganzes Berufsleben lang lebe ich vom Texte-Schreiben, erst als Journalistin für Tageszeitung, Rundfunk und Fernsehen, später dann in einer Marketingagentur – viele Jahre auch freiberuflich mit einem Büro für Text und Kommunikation. Anfang 2015 kam mir der Gedanke, dass es eine erfüllende Aufgabe sein könnte, (gute) Trauerreden zu halten. Mitte des Jahres 2015 hielt ich meine erste Trauerrede – drei Monate später wollte ich praktisch gar nichts anderes mehr machen.

  1. Du beschäftigst dich mit (deiner) Endlichkeit. Welche Auswirkungen hat das auf dein Leben?

Auf die Idee, Trauerrednerin zu werden kam ich vor etwa zwölf Jahre, nachdem ich selbst mit dem Tod konfrontiert worden war – erst starb mein Lebensgefährte und ein halbes Jahr später meine Schwester – beide an Krebs. Ich war mit 42 Jahren noch deutlich zu jung für eine Witwe, aber so war es.

Verluste durch Tod hatte ich bereits erlebt – mein Vater starb schon vor langer Zeit, als ich 19 Jahre alt war – aber diese beiden unfreiwilligen Abschiednahmen waren etwas ganz anderes, denn es waren quasi Tote auf Augenhöhe, was das Alter betrifft. Und damit stellte sich automatisch und unweigerlich auch die Frage nach meinem eigenen Leben.

Zum Beispiel stellte sich die Frage, wie ich es mit dem Rauchen halte – ich rauchte damals noch eine kleine Schachtel Zigaretten pro Tag. Und es gelang mir nicht sofort, aufzuhören, obwohl ich ja erlebt hatte, wie tödlich dies enden kann.

Es fräste sich der Gedanke ins Hirn „Wer ist eigentlich bei dir, wenn du mal krank wirst und sterben musst?“ und dies wiederum provozierte eine Menge Auseinandersetzung mit meinen Beziehungen insgesamt, Liebesbeziehungen, familiären Beziehungen und auch den mit Freunden – dieser Prozess hält an.

Bis dahin lebte ich ohne viel darüber nachzudenken in der Aktivität, bzw. in meinen verschiedenen Rollen – als Journalistin oder Mutter oder Nachbarin oder Mitspielerin in einem Steeldrum-Orchester. Es schlingerte auf einmal die Frage in mein Leben, welchen SINN ich in meinem Leben sehe, wie ich mich einbringen möchte. Wenn man bedenkt, dass die Zeit kurz ist, macht es ja keinen Spaß, seine Zeit mit unsinnigem Zeug zu vertun. Und Spaß machen darf ein Lebenssinn ja auch, finde ich. Diese Bewusstheit reichert mein Leben ungemein an und ich mache sehr viele Dinge weitaus mehr aus vollem Herzen, ob dies jetzt ein Sudoku ist, ein Streitgespräch oder das Sockensortieren. Ich möchte den Rest meines Lebens auf keinem Fall dem Unglücklichsein opfern – allerdings heißt dies nicht, dass ich nun jederzeit super Lösungen für alles parat hätte. Es bleibt spannend und immer wieder neu.

Gleichzeitig ist es eine enorme Herausforderung für mich, mich wieder intensiven Beziehungen zu stellen, denn natürlich beziehe ich die Möglichkeit des Todes, also den kommenden Generalverlust, jetzt automatisch mit ein.

Mit meiner persönlichen Endlichkeit beschäftige ich mich allerdings eher weniger. Ich habe eine Patientenverfügung, ein Lied, das auf meiner Beerdigung gespielt werden soll und einen Platz, wo ich vielleicht gerne beerdigt wäre, aber das war es auch schon. Mehr denke ich über das eigentliche Ende nicht nach – sondern immer lieber über das Leben jetzt und hier.

  1. Viele haben Hemmungen oder auch Angst, mit anderen über das Sterben zu reden. Wie ist das bei dir? Was hat sich verändert?

Wenn ich die Trauergespräche führe, höre ich sehr viele Geschichten vom Sterben. Für die Angehörigen ist dies immer noch sehr nah und manchmal ein sehr mächtiges Thema, vor allem, wenn sie intensiv in der Pflege eingebunden waren.

Ich versuche, die Angehörigen zu ermuntern, mir zu erzählen, wie sie diese letzten Momente erlebt haben und ich empfinde es als einen ersten Schritt der Heilung, wenn sie ihre Gefühle hierbei zum Ausdruck bringen können.

Manchmal erzählen mir die Angehörigen beispielsweise, dass ihr Vater als Toter auf einmal sehr würdevoll aussah oder sehr weich. Manchmal haben die Familien im Angesicht des Todes intensiven, innigen Abschied nehmen können und manche Angehörigen bleiben mit vielen offenen Fragen zurück, manchmal auch mit großer Wut und Enttäuschung.

So oder so – es sind fast immer sehr tiefe, intensive Gefühle, um die es geht. Wenn sie ausgedrückt werden können, bricht ein Moment der Heilung aus, so will ich dies einmal nennen – den ich spüren und selbst auch in mir zum Klingen bringen kann. Das ist großartig!

Für mein eigenes Ende wünsche ich mir, dass es kurz sein wird und ich dennoch von meinen Lieben Abschied nehmen kann – ganz schön vermessen viel.

  1. Dein Vorschlag für einen guten Satzanfang, wenn du mit jemand über solche Dinge wie Sterben, Vorsorge u.ä. reden willst:

„Schon mal überlegt, wie du beerdigt werden willst?“

  1. Wie ergänzt Du diesen Satz der Künstlerin Candy Chang: Bevor ich sterbe, möchte ich …

… ganz viel gelebt haben.

Diese Frage erinnert mich an einen Taxifahrer auf Tobago, der uns (eine Reihe von deutschen Touristen) auf einer Party fragte, was uns im Leben am wichtigsten sei. Die eine meinte, ihr Lehrerberuf, der andere sagte „die Kinder“, einer weiteren waren ihr Samba-Trommeln das Wichtigste. Als wir ihn zurückfragten, was denn für ihn das Wichtigste im Leben sei, antwortete er „to praise god“.

Das lässt mich ungetauftes Heidenkind heute noch vor Scham erröten.

  1. Was glaubst Du, kommt nach dem Tod?

Ein flockiges Gezwirbel durch die Zeit.

Ich will mir die Überraschung nicht verderben, indem ich versuche, es vorwegzunehmen. Mir gefällt der buddhistische Gedanke, dass ewiges Glück in einem Moment existiert, und nicht etwa ewig. Mir gefällt auch der Gedanke, dass sich bei der Geburt eines Lebewesens das Universum gewissermaßen in diesem einen Punkt verdichtet und konzentriert – nämlich in dem neuen Leben – und dass es sich beim Tod eines Lebewesens unendlich ausdehnt. So kann man sich Geburt und Tod und Geburt und Tod vorstellen wie ewiges Einatmen und Ausatmen, Einatmen und Ausatmen.

Wichtig und tröstlich ist mir der Gedanke, dass nichts verloren geht.

  1. Wenn du in der Sterbe- und Bestattungskultur in Deutschland/ der Schweiz etwas ändern könntest, was wäre das?
  • Ich fände gut, wenn Bestattungen für arme Menschen ohne Angehörige mit einer würdigen Gemeinschaftsaktion begangen würden und wenn jedes Grab mit einem metallenen Schildchen versehen würde – wer arm ist, muss nicht schneller vergessen werden.
  • Ich würde gerne einigen „Bestattungsinstituten“ eine frische Inneneinrichtung verordnen.
  • Ich würde durchsetzen, dass zur Abschiednahme viele Menschen jeweils einen Satz beitragen und nicht nur eine Rednerin ganz viel sagt.
  1. Dein Beitrag zu unserer Sammlung „100 Songs übers Sterben“.

 

Auch unbedingt: Johnny Cash singt „One“ von U2

  1. Und sonst noch?

Vielleicht sollte ich ergänzen, dass ich – vielleicht im Gegensatz zu Euch „Totenhemd“-Mädels weniger über das Sterben nachdenke, also über den Schluss der Körperlichkeit und dessen Begleitumstände, um es mal so zu nennen.

Mein Thema ist eher die Frage nach dem Verlust durch den Tod eines nahestehenden Menschen, es ist also eher eine Frage danach, wie ich im Hier und Jetzt und am Leben, weitermachen kann mit so einem einschneidenden Verlust. Was mir die Beziehungen bedeuten, die ich lebe und welchen Sinn ich meinem Leben gebe

 

Hier der Link zum Interview beim Totenhemd-Blog:
über Wir reden übers Sterben mit: Beate Schwedler, Trauerrednerin

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2 Kommentare

  1. Ein sehr schönes und gelungenes Interview.
    „To praise god“ finde ich übrigens sehr erstaunlich. Es erinenrt mich an Marianne Williamson: Unsere tiefste Angst

    „Unsere tiefste Angst ist nicht, dass wir unzulänglich sind.
    Unsere tiefste Angst ist, dass wir unermesslich machtvoll sind.
    Es ist unser Licht, das wir fürchten, nicht unsere Dunkelheit.

    Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, dass ich leuchtend, hinreißend, talentiert und fantastisch sein darf?
    Wer bist du denn, es nicht zu sein?
    Du bist ein Kind Gottes.

    Dich selbst klein zu halten, dient der Welt nicht.
    Es hat nichts mit Erleuchtung zu tun, wenn du dich kleiner machst, damit andere um dich herum sich nicht verunsichert fühlen.

    Wir sollen alle strahlen wie die Kinder.
    Wir wurden geboren, um die Herrlichkeit Gottes zu verwirklichen, die in uns ist.
    Sie ist nicht nur in einigen von uns; sie ist in jedem Einzelnen.

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