Sterbeamme hilft auch den Arbeitskollegen

Britta Schröder-Buttkewitz ist Sterbeamme und bietet nicht nur Familien, sondern gezielt auch für Chefs und Arbeitskollegen einen Coachingtag an, wenn ein Kollege verstorben ist. Mit dem Forum Dunkelbunt sprach Schröder-Buttkewitz über die Notwendigkeit ihrer Arbeit:

Forum Dunkelbunt: Was ist eine Sterbeamme, bzw. ein Sterbegefährte?

Britta Schröder-Buttkewitz: Sterbeammen und Sterbegefährten sind dazu ausgebildet; Menschen in Krisensituationen zu begleiten und ihnen eine neue Hoffnung auf Weiterdenken und Weiterhandeln zu vermitteln. Eine handfeste Lebenskrise stellt dabei immer den Sinn des Lebens (und des Sterbens) in Frage. Sterbeammen und Sterbegefährten arbeiten frei von jeder Institution und/oder Konfession.

Drei wesentliche Stränge kennzeichnen die Ausbildung und die Arbeit von Sterbeammen und Sterbegefährten:

  • die Entwicklung eines geistig völlig freibleibenden Weltbildes
  • die Verwandlung von Problemen und Ängsten ohne Medikamente (medikamentenfreie Anxiolyse)
  • die Arbeit mit Bildern und Geschichten nach Claudia Cardinal und der Umgang mit Symbolsprache

Auf den Punkt gebracht würde ich sagen, ich bin in Krisensituationen der Fels in der Brandung, der in der Lage ist, für alle Beteiligten Wege aufzuzeigen, aus der gefühlten Ohnmacht und Handlungsunfähigkeit heraus in die Handlung zu kommen.

Zum Wohle für alle Beteiligten.

Forum Dunkelbunt: Wie kamen Sie zu dem Beruf der Sterbeamme? Bringen Sie persönliche Erfahrungen mit?

Britta Schröder-Buttkewitz: Als Heilpraktikerin habe ich in der Praxis immer wieder Menschen erlebt, deren gesundheitliche Probleme nach dem Tod eines lieben Menschen begannen. So wurde mir sehr schnell klar: ich brauche dringend Handwerkszeug zum Thema Trauer. Oder bei der naturheilkundlichen Begleitung von Menschen mit Krebsdiagnosen – auch da brauchte ich dringend Handwerkszeug zum Thema Angst vor dem Tod. Und somit dann auch die nötigen Ideen, um Menschen in solch schweren Phasen mit dem nötigen Lebensfreudevirus zu infizieren. Denn eine Sterbeamme ist auch immer eine Lebensamme. Ich muss mit einem Patienten sowohl den Abschiedsweg betrachten, als auch den Weg ins Leben zurück. Nur so können überhaupt die Angstmonster, die sich nachts um drei anschleichen, besiegt oder zumindest in Schach gehalten werden.

Persönlich habe ich in der Zeit vor meiner Sterbeammenausbildung erlebt, was es heißt, Großeltern aufgrund der Entfernung nur selten sehen zu können und bei jedem Abschied zu denken, ob ich sie wohl noch mal lebend wieder sehen werde. Die bohrende Sprachlosigkeit zu spüren und das Gefühl der Angst im Nacken. Mit meinem heutigen Wissen hätte ich gestalten können und nicht aushalten müssen.

Forum Dunkelbunt: Als Trauerrednerin erlebe ich es bei jeder Trauerfeier: Die Arbeitskollegen setzen sich eher nach hinten, haben das Gefühl, nicht die „Wichtigsten“ zu sein. Ist es denn nicht auch so, dass Trauer vor allem ein Thema der Familie und der nächsten Angehörigen ist?

Britta Schröder-Buttkewitz: Nein das ist ganz und gar nicht so. In dem Moment, wo ein Kollege verstirbt ist es wie ein Hammerschlag. Für uns mitten aus dem Leben gerissen. Uns wird sehr schmerzlich bewusst, auch ich bin sterblich. So schnell kann es gehen. Das ist ein großer Schock. Den gilt es schnellstmöglich zu versorgen. Und dann ist da natürlich noch die Trauer um den im besten Falle sehr wertgeschätzten Kollegen. Ein Mensch, den ich vielleicht öfter gesehen habe, als meine Familie. Ein Wegbegleiter. Mein Gegenüber am Schreibtisch oder in der Werkshalle. Man kannte sich und wusste sich zu nehmen.

Forum Dunkelbunt: In dem Video beschreiben Sie, dass körperliche Erscheinungen auch bei Kollegen als Folgeerscheinung eines Todesfalls im Betrieb eintreten können. Wie erklären Sie den Zusammenhang?

Britta Schröder-Buttkewitz: Schock und Trauer haben einen großen Einfluss unter anderem auf unser Hormonsystem. In Folge dessen sind dann z.B. Blutdruckerhöhungen, Herzrhythmusstörungen, Angststörungen, Verdauungsprobleme oder auch Rückenprobleme die Folge. Da die Auswirkungen allerdings in der Regel erst ca. 6 Monate später richtig zum Tragen kommen, bezieht sie kein behandelnder Arzt und auch der Betroffene selber nicht auf den Verlust des Kollegen. In der Medizin gibt es z.B.  das Krankheitsbild des Brokenheart Syndroms.

Forum Dunkelbunt: Was kann der Coachingtag im Betrieb, bzw. unter den Kollegen bewirken?

Britta Schröder-Buttkewitz: Durch ein zeitlich nahes Coaching entstehen die Folgekrankheiten in der Regel  erst gar nicht. Mal abgesehen davon, dass ein Mitarbeiter, der in der Fassungslosigkeit steckt, selten gute Arbeit ohne Fehler abliefern kann. Durch ein Coaching würden die Kollegen Möglichkeiten aufgezeigt bekommen ins Handeln zu kommen, den Schock und den Schmerz wandeln zu können. Ebenso wie die Sprachlosigkeit. Möglichkeiten zu schaffen die Trauer am Arbeitsplatz ein Stück weit aus zu leben und vor allem auch dem verstorben Kollegen gedenken zu können.

Nicht selten steht auch mal das Thema Schuld im Raum. Ich habe z.B. meinem Kollegen eine sehr unliebsame Mehrarbeit aufgedrückt, und nach der Erledigung bekommt er einen Herzinfarkt.  Ob der Kollege es will oder nicht, er wird unweigerlich in der Schuldfalle landen. „Hätte er das nicht machen müssen, würde er vielleicht noch Leben.“ Ich bin Schuld. Auch dies gilt es schnellstmöglich zu bearbeiten. Bei einem Suizid eines Kollegen ist das ganze natürlich noch mal verstärkter.

Zusammenfassend kann man sagen, die Arbeitskraft der Kollegen wird schnellstmöglich wieder hergestellt. Krankheitstage aufgrund der Trauer werden minimiert oder entfallen ganz. Das Wir- Gefühl unter den Kollegen wird gestärkt.

Und was das wichtigste Signal für die Kollegen ist, ihr seid uns wichtig und das auch über den Tod hinaus.

Forum Dunkelbunt: Es kann ja auch sein, dass ein Kollege völlig fertig ist, weil beispielsweise sein Partner eine Krebsdiagnose bekommen hat. Haben Sie einen (Notfall-)Tipp, wie man als Chef damit umgehen kann?

Britta Schröder-Buttkewitz: Das mit den Tipps in solch einem Fall ist ja immer so eine Sache. Was man aber sagen kann ist….seien Sie mutig und sprechen Sie den Kollegen in einer ruhigen Minute an. Bitte verzichten Sie auf Floskeln, wie: „ Das wird schon wieder“ oder ähnliches. Ein fester Händedruck, ein offener Blick und ein „Mensch was für ein Scheiß, es tut mir so leid für Ihren Partner und Sie. Mir ist sehr bewusst, dass sie jetzt eine schwere Zeit vor sich haben. Ich möchte sie im Rahmen meiner Möglichkeiten sehr gerne unterstützen“. Hier sollten dann gleich konkrete Angebote folgen, über z.B. kurzfristig flexible Arbeitszeiten oder auch bezahlte Gespräche bei einer Sterbeamme/ Lebensamme zur Unterstützung.

Und ganz wichtig der Hinweis an die Kollegen, sich nicht aus Angst vor falsch Gesagtem zurück zu ziehen. Bitte bleiben Sie mit dem betroffenen Kollegen im Gespräch. Gar nichts zu sagen ist immer noch schlimmer als etwas vermeintlich Falsches zu sagen.

 

Weitere Infos:

Britta Schröder-Buttkewitz arbeitet in Drochtersen als Sterbeamme und Sterbegefährtin. Kontakt: www.lebensnah.eu

 

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