Überraschende Antworten

Letzte Lieder

„Meine dringende Empfehlung für die Oper und das Leben: Genießen Sie’s.“ Klar, pointiert, manchmal überaus unterhaltsam und nie rührselig erzählen Sterbende in „Letzte Lieder“ von der Musik ihres Lebens – ein beeindruckendes Projekt des Künstlers, Regisseurs und Autoren Stefan Weiller.

Marita, Anfang 50, im Hospiz:

„Dass Sie sterben müssen, merken Sie spätestens daran, dass Geschenke nicht mehr aus der Krimiabteilung, sondern aus der Esoterik-Abteilung stammen. Und angesichts einer CD mit Synthi-Rauschen und Walgesängen dürfen Sie nicht fragen: `Ihr schenkt mir Walgesänge? Etwa, weil die auch bald ausgestorben sind?`…“

Es sind nicht unbedingt die Antworten, die mensch vielleicht erwartet im Gespräch mit Frauen und Männern, die wissen, dass sie nicht mehr lange zu leben haben. Autor Stefan Weiller führt seit 2010 Gespräche mit sterbenden Menschen im Hospiz zur Musik ihres Lebens. Eine Frage lautet: „Welche Musik ist Ihnen kostbar und welche Erinnerung verbinden Sie damit?“ Hieraus entstanden die Texte für sein Buch „Letzte Lieder“ und und für das Musiktheaterprojekt „Und die Welt steht still – Letzte Lieder & Geschichten“.  Im Zentrum stehen die Fragen nach Sinn, Werten und Lebensqualität, die in jeder Lebensphase zu finden sind.

Überraschende Antworten

Vor dem Lesen denkt man vielleicht, es ginge viel um die Musik, um die einzelnen Stücke, aber die Texte lassen eher mitfühlen, wie es sein kann, wenn nicht mehr viel Zeit bleibt, wenn die Auswirkungen der Erkrankung schwer auf den Körper und schwer auf das Gemüt drücken, wenn man sich aussätzig fühlt, spürt, dass andere das Thema der Krankheit, des Sterbens, des Todes, lieber wegschieben, am besten gar nicht nah an sich dran wissen möchten.

Konkrete Fragen

Manche ducken sich weg vor dem Tod, manche konfrontieren andere bewusst mit ihrer Krankheit, ziehen extra keine Mütze über den durch die Chemo glatzköpfigen Schädel. Manche kaufen sich genau jetzt die teure Design-Uhr, für die niemals Geld da war. Manche denken darüber nach, was von ihnen auf Facebook erhalten bleibt. Manche weinen viel. Andere überspielen alle unangenehmen Gefühle mit Witzen aus der untersten Humorschublade. So verschieden die Menschen sind, so verschieden gehen sie mit den letzten Wochen und Tagen um.

Was es bedeuten kann, das Leben

Und die Texte zeigen, was es bedeuten kann, das Leben: das Geräusch von brutzelndem Fleisch oder die Fähigkeit, selbstständig durch eine Tür zu gehen – so schön sind die vermeintlich kleinen Dinge.

Manchen ist die Musik im Hospiz nicht mehr wichtig. Und als Fazit vielleicht ein Satz von Till, Ende 50, im Hospiz: „Musik bedeutet nichts, nichts im Vergleich zu den Menschen, denen man in seinem Leben begenet.“

 

Leseprobe aus „Letzte Lieder“:

Register-Arie; Ute, Mitte 60, im Hospiz

Sie bittet um Verzeihung, wenn sich über ihre Geschichte ein bisschen goldene Patina gelegt haben sollte. Sie entdecke bei sich eine Lust an der Zuspitzung und wolle ihren Geschichten eine Pointe geben, weil sie an ihr Ende kommen. Wer weiß schon, was im Leben wirklich wahr ist? Sie beansprucht heute wissentlich das Recht, alles sagen zu dürfen, was sie denkt, fühlt und will. Und nur zu gerne will sie sich von ihrer Phantasie, die ihre Erinnerungen selten trübt, aber oft zum Glänzen bringt, wegtragen lassen, denn mit ein bisschen Verklärung werde das Dunkle wieder hell, das Harte wieder weich. Was sie erzählt, sei für die an ihrem Leben beteiligten Menschen vielleicht anders gewesen, für sie aber war es genau so, wie sie es beschreibt: »Und Sie nennen ja keine Namen«, sagt sie augenzwinkernd und legt los:

Mein Erster hatte den Charme eines Verkehrspolizisten: Man fühlte sich nicht sicher, sondern immer eher ertappt. Meine Güte, schon nach neun Monaten ein freudloser Geselle.

Der Zweite hatte den Charme eines Gebrauchtwagenhändlers: Zunächst hat man ein gutes Gefühl, aber schon sechs Wochen darauf kommt alles ins Stottern.

Der Dritte hatte diese besondere Ausstrahlung, dass ich glaubte, er wird der Vater meiner Kinder sein. Aber er wollte stattdessen lieber der Vater der Kinder meiner besten Freundin Gabi sein.

Der Vierte war Italiener und bediente alle Klischees: klein, gelenkig, leidenschaftlich, aber unerträglich eifersüchtig. Und er hätte mich wirklich nicht fragen sollen, ob er der Erste für mich war.

Der Fünfte kam direkt aus der Hölle, aber das merkte ich erst spät, weil die ersten beiden Jahre der Himmel voller Geigen hing.

Der Sechste und der Siebte waren eher so halbe Portionen, so dass man sie getrost zusammenfassen kann. Beim Siebten fällt mir zwar kaum noch der komplette Name ein, aber ich erinnere mich an seinen nassen Kuss.

Der Achte war ein Weltwunder, von dem ich mich vier Jahre später scheiden ließ, weil er gewiss kein Heiliger war und des Nachts leider auch noch anderen Jungfrauen erschien.

Das führt geschmeidig zu meinem Neunten. Er war sehr, sehr nett, was aber auch schon das Aufregendste war, das ich über ihn sagen kann.

Der Zehnte, der war’s dann und ist es bis heute. Er sagt, dass ich keine Nummer trage, denn er habe irgendwann aufgehört zu zählen. Jeden Tag kommt er mich besuchen und manche Nacht bleibt er bei mir, bis ich sage: Mensch, geh heim, du musst doch dein Leben leben.

Jedenfalls: In Sachen Männer kann ich sagen: Aller guten Dinge sind zehn.

Mein Gott, warum erzähle ich das alles? Na, vielleicht erklärt sich das aus meinem Liedwunsch und meiner dringenden Empfehlung für die Oper und das Leben: Genießen Sie’s.

Wolfgang Amadeus Mozart, Don Giovanni, »Madamina, il catalogo è questo«, 1. Akt

Letzte Lieder
Letzte Lieder

Stefan Weiller
Letzte Lieder
Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens
256 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag
€ 19,95 (D) / € 20,60 (A)
ISBN 978-3-8419-0517-8
Auch als E-Book erhältlich

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