Lennart Hibbeln: „Erst sind Gleichaltrige geschockt… und dann kommen die Fragen“

Nach dem Abitur entschied sich Lennart Hibbeln, Jahrgang 1996, Bestatter zu werden. Damit führt er in der vierten Generation eine Familientradition fort in dem Unternehmen, das 1931 sein Urgroßvater in Dortmund Eving gründete. Er mag seinen Beruf, weil der sehr viel Abwechslung mit sich bringt und ihn in Kontakt mit Menschen bringt.

Dunkelbunt: Sie sind seit 2017, also seitdem Sie 21 Jahre alt sind, examinierter Bestatter. Sind Gleichaltrige überrascht, wenn Sie hören, welchen Beruf Sie ausüben?

Lennart Hibbeln: Wenn man mich als Typ kennenlernt oder zum ersten Mal sieht, erwartet man wohl nicht, dass ich Bestatter bin. Man hat so ein Bild im Kopf davon, wie ein Bestatter zu sein hat – immer in Schwarz gekleidet und ernst, ohne Lachen. Das trifft bei mir nicht unbedingt zu – da sind die Leute manchmal geradezu geschockt, wenn ich sage, dass ich Bestatter bin. Im Fußballverein, in dem ich spiele, ist das auch immer noch ein Thema. Vor kurzem habe ich den Verein gewechselt und dann war das aufs Neue für alle Mitspieler wieder ein Thema, dass ich Bestatter bin.
Gleichzeitig ist es aber auch ein Thema, über das man viel zu erzählen hat und bei dem auch viele Fragen aufkommen. Das ist auch das Gute.

Lennart Hibbeln als Bestatter.

Dunkelbunt: Das ist vielleicht auch befreiend für die Leute, wenn sie jemanden konkret fragen können.

Lennart Hibbeln: Ich finde immer gut, wenn ich aufklären kann, dass der Beruf gar nicht so ist, wie die Leute es sich vorstellen und dass der Beruf eben nicht nur daraus besteht, Leichen zu waschen oder zu bestatten. Es ist in Wirklichkeit viel mehr, es gibt ein Beratungsgespräch, Termine auf den Friedhöfen, Koordination von Formalien… Die Aufgabe besteht darin, Menschen zu helfen und in einer schwierigen Phase des Lebens beizustehen. Das gefällt mir an der Arbeit.

Dunkelbunt: Man hat ja auch immer mit verschiedenen Menschen zu tun.

Lennart Hibbeln: Ja, es gibt auch große Unterschiede. Es gibt Leute, die trauern viel und es gibt welche, die trauern wenig. Es gibt ja auch ganz unterschiedliche Sterbefälle, wenn zum Beispiel schon vorher ein langer Krankheits- und Leidensweg erlebt wurde, dann sind die Angehörigen schon ein bisschen vorbereitet gewesen. Aber es gibt auch ganz plötzliche Sterbefälle, bei denen die Angehörigen wie unter Schock stehen. Es ist auf keinen Fall ein Beruf, in dem man jeden Tag das Gleiche erlebt oder immer wieder die gleichen Geschichten hört. Es passiert immer etwas Neues und immer etwas Anderes, auch wenn es traurig ist. Aber das ist das Gute an dem Beruf. Und für mich wäre kein Beruf passend, in dem man jeden Tag das Gleiche erlebt.

Dunkelbunt: Bekommen Sie denn auch Rückmeldungen von den Kunden, ob sie zufrieden waren mit der Arbeit?

Lennart Hibbeln: Ja, beim Abschlussgespräch sagen uns die Kunden schon auch immer, dass sie zufrieden waren – wir reichen auch immer Bewertungszettel heraus, auf denen die Kunden ankreuzen können, was ihnen gefallen hat und was nicht. Man merkt die positive Resonanz vor allem daran, dass sie uns wieder beauftragen oder empfehlen. Aber ich habe auch schon einige Briefe von Familien bekommen, in denen sie uns noch einmal danken.

Dunkelbunt: Sie sind mit dem Bestattungsgewerbe groß geworden – wie war das?

Lennart Hibbeln: Ja, mein Vater ist Bestatter und auch mein Großvater und mein Urgroßvater waren Bestatter. So wird das immer weitergegeben. Inzwischen ist der Betrieb umgezogen an die Bayrische Straße. Aber früher befand sich der Betrieb noch direkt neben unserem Haus – da habe ich die Arbeit schon als Kind mitbekommen und hatte quasi von Anfang an einen ganz anderen Bezug dazu. Dadurch habe ich wohl auch ein anderes Bild, was Sterben und Tod angeht, als andere dies haben.

Dunkelbunt: Was ist daran anders?

Lennart Hibbeln: Dass Sterben etwas Natürliches ist und zum Leben dazugehört. Ich mache mir auch Gedanken darüber, aber nicht im Negativen – ich habe kein negatives Bild vom Tod im Gesamten.

Dunkelbunt: Der Tod ist nichts Gruseliges an sich für Sie?

Lennart Hibbeln: Nein, weil er eben schon immer in meinem Leben dabei war. Allerdings ohne persönlichen Bezug, weil in meiner Familie noch niemand gestorben ist außer mein Onkel, aber da war ich noch sehr jung. Das kann natürlich auch sein, dass es für mich persönlich, wenn ich mal einen Sterbefall in der Familie habe, etwas ganz Schlimmes sein wird, aber ich glaube doch, dass es noch einmal etwas anderes sein wird für mich als für jemand anderen, der gar keine Ahnung vom Tod hat.

Dunkelbunt: Sie haben zumindest einige Erfahrungen… die meisten wissen ja nicht, wie beispielsweise eine Leiche aussieht.

Lennart Hibbeln: Das weiß fast niemand. Wer damit nicht zu tun hatte, weiß das nicht. Aber was die Trauer wirklich bedeutet, weiß man wohl doch erst, wenn man selbst einen Sterbefall in der Familie hat.

Dass er Bestatter ist, glauben die meisten Menschen nicht – Lennart Hibbeln im Urlaub

Dunkelbunt: Haben Sie das Gefühl, dass Sie der Umgang mit den Angehörigen auch schult im Umgang mit Menschen überhaupt?

Lennart Hibbeln: Ich weiß nicht, ob ich das so pauschal sagen kann, aber man lernt schon, mit Menschen anders zu reden. Man lernt auch, mehr Empathie zu entwickeln, als andere Leute dies haben. Und ich glaube auch, dass man auch etwas reifer ist als andere, die nicht soviel mit Menschen zusammenarbeiten oder die beispielsweise bisher nur zur Schule gegangen sind – es schult schon, jeden Tag mit Menschen zusammenzuarbeiten und mit Menschen zu tun zu haben und sich in ihre Gefühlswelt hineinzudenken.

Dunkelbunt: Und das ist unerlässlich für ein Beratungsgespräch. Und Sie erleben die Menschen – also Ihre Kunden – in einer Ausnahmesituation.

Lennart Hibbeln: Ja, es gibt einige, die sind ganz fertig und dann gibt es andere, die sind ganz gefasst – oder wollen zumindest ganz gefasst wirken. Das gibt es auch.

Dunkelbunt: Sie lernen Menschen in einer ganz besonderen Situation kennen, sehr nah, sehr menschlich, das geht sich auch anderen jungen Menschen so, wenn sie in Kindergärten oder in Krankenhäusern anfangen zu arbeiten.

Lennart Hibbeln: Ja, man nimmt das natürlich auch in sein eigenes Leben mit auf – in welcher Form auch immer. Aber die Arbeit ist eben ein Teil vom Leben. So ist das.

Dunkelbunt: Wie ging es denn den Kollegen, mit denen sie die Ausbildung gemeinsam absolviert haben?

Lennart Hibbeln: Es waren schon einige, die auch wie ich Söhne oder Töchter von Bestattern sind. Aber es gibt auch Quereinsteiger – meistens Menschen, die einmal Erfahrungen mit dem Tod hatten im Kindes- oder Jugendalter. Sie haben dann meist gute Erfahrungen mit dem Bestatter gemacht. Eine Frau erzählte, dass sie die Oma noch einmal sehen konnte, was sehr schön war, obwohl sie davor Angst gehabt und sich das sehr schlimm vorgestellt hatte. Und dann sehen sie den Beruf des Bestatters auf einmal unter einer ganz anderen Perspektive.

Dunkelbunt: Wie reagieren denn Gleichaltrige auf Ihren Beruf, beispielsweise die Kollegen im Fußballverein?

Lennart Hibbeln: (lacht) Manche machen Sprüche – einer aus meinem Verein fragt andauernd, wie das Geschäft läuft, ob wir viel zu tun haben. Natürlich mehr aus Spaß. Und dann fragen viele, was man überhaupt konkret macht als Bestatter. Wenn Gleichaltrige zum ersten Mal hören, was für einen Beruf ausübe, folgt praktisch immer zuerst eine Schocksituation. Dann wissen sie erst gar nicht, was sie sagen sollen und dann kommen auf einmal hundert Fragen auf einmal. Ob ich viel mit Leichen zu tun habe, ob das eklig ist, meistens so etwas.

Dunkelbunt: Und was ist Ihre Antwort darauf, ob dies eklig ist?

Lennart Hibbeln: Also in meinen Augen ist es das nicht. Ich erkläre dann einerseits, dass wir natürlich Schutzkleidung tragen. Aber vor allem ist es eben auch nichts Ekliges aus meiner Sicht – ich gehe mit dem Körper eines Verstorbenen um.

Dunkelbunt: Die Vorstellung, dass es ekelig ist, mit einem Verstorbenen umzugehen, liegt ja vor allem daran, dass man damit nie zu tun hatte.

Lennart Hibbeln: Ja, es hat mit dem Unwissen der Leute zu tun.

Dunkelbunt: Gibt es denn auch manchmal gegenteilige Reaktionen der Berufswahl gegenüber, so etwas wie Bewunderung oder Applaus?

In London im Regen

Lennart Hibbeln: Häufig von Menschen, die schon einmal mit dem Tod zu tun hatten und die wissen, wie schlimm das ist, wenn man jemanden verliert. Und auch von Menschen, die aus ähnlichen Branchen kommen, also von Krankenschwestern oder Altenpflegern… die verstehen das und die wissen, was da alles dranhängt. Ich selbst habe zum Beispiel auch extremen Respekt vor Leuten, die im Hospiz arbeiten. Das ist ja nochmal etwas ganz anderes.

Dunkelbunt: Es ist ein sehr menschliches Arbeitsumfeld, in dem sie sich bewegen – menschlicher als in den Bereichen Geburt, Krankheit, Tod geht es ja kaum.

Lennart Hibbeln: Das hängt eben alles mit dem Leben zusammen.

Dunkelbunt: War es früh für sie klar, dass sie den Betrieb übernehmen?

Lennart Hibbeln: Überhaupt nicht. Ich habe ganz normal mein Abitur gemacht und wusste bis zur letzten Abiturprüfung eigentlich nicht, was ich danach machen sollte. Ich hatte vorher schon im Betrieb mitgearbeitet und hatte eine klare Vorstellung davon, was diese Arbeit bedeutet. Es gab keine Alternative, die mir wichtig gewesen wäre und so habe ich immer mehr im Betrieb gemacht und mich dann kurzfristig entschlossen für die Ausbildung zum Bestatter. Ich habe eben sehr handfest erlebt, dass Bestatter auch ein guter Beruf ist, der mir auch Spaß macht.
Und es war auch das Passende – ich habe bisher nicht bereut, diesen Schritt gegangen zu sein. Natürlich hängt auch etwas daran, weil es ein Familienbetrieb ist, das möchte man nicht zerstören – aber das Wichtigste ist für mich, dass ich den Beruf gerne mache und gerne weiter ausübe.

Dunkelbunt: Also geht es weiter – wie sehen Ihre persönlichen Perspektiven aus?

Lennart Hibbeln: Ich überlege, noch meinen Bestattermeister zu machen. Man kann auch noch Fortbildungen in Trauerbegleitung machen, das ist auch interessant. Den Betrieb weiter auszubauen ist auch eine Zielsetzung – man könnte vielleicht noch ein großes Bestattungshaus einrichten so wie wir es jetzt haben. Zum Glück ist ja noch mein Vater mit im Geschäft und ich muss noch nicht allein die Verantwortung tragen. Das wäre mir jetzt noch zu früh. Ich konnte in Ruhe meine Ausbildung zu Ende machen und Erfahrungen sammeln. Es ist auch nicht gerade der einfachste Beruf, in dem man schon eine Menge Wissen benötigt. Man kann auch viel falsch machen.

Dunkelbunt: Ganz vermeiden kann man Fehler ja nicht – was ist, wenn mal einer passiert?

Lennart Hibbeln: Es passieren schon mal so Kleinigkeiten wie etwa, dass ein Buchstabe oder ein Datum falsch sind in der Traueranzeige, dann entschuldigt man sich natürlich ausführlich und muss zusehen, dass man einen Ausgleich findet. Aber am Tag der Trauerfeier darf praktisch kein Fehler vorkommen – da kann es schon passieren, dass man ganz schön unter Druck gerät, wenn man noch etwas improvisieren muss. Einmal dachten wir, die Friedhofsmitarbeiter hätten vergessen, das Loch auszuheben, da kann einem dann schon ganz schön die Düse gehen. Denn auch wenn man nicht selbst einen Fehler zu verantworten hat – die Angehörigen geben am Schluss dem Bestatter die Schuld.

Dunkelbunt: Weil sich die Angehörigen in so einer speziellen Ausnahmesituation befinden, erwarten sie auch viel und es darf praktisch nichts schieflaufen?

Lennart Hibbeln: Ja, genau. Man trägt schon eine große Verantwortung.

Das Gespräch führte Beate Schwedler
Fotos: privat

Werbefilm des Bestattungsunternehmens Frank Hibbeln:

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